Kultur

Steffen Volmers Buch 33 in 88, in Chemnitz in einer Auflage von 60 Stück herausgebracht, vereinigt Schrift und Bild und registriert, wo der damals 33-Jährige im Jahr 1988 stand. (Foto: Loredana La Rocca)

14.03.2014

Aus dem Untergrund

Staatsbibliothek Regensburg zeigt die deutsche Einheit in Künstlerbüchern

Kleiner Raum für große Begegenungen: In der Regensburger Staatsbibliothek sind derzeit Bücherschätze ausgestellt, die sich mit dem Zusammentreffen zweier Parallelwelten beschäftigen. Die deutsche Einheit im Spiegel von Künstlerbüchern gibt einen Einblick in die suboffizielle Kunstszene, in den literarischen und bildnerischen Untergrund der DDR vor und nach der historisch so bedeutsamen Wende von 1989.
Die ausgestellten Bücher aus der Sammlung Reinhard Grüner, zumeist nur in geringer Auflage herausgebracht, künden von einer bemerkenswerten Kreativität jener Zeit, als es in den Städten noch massiv nach Braunkohle roch und man im heute so todschicken Prenzlauer Berg das Bier in plumpen Flaschen an rohen Tischen serviert bekam.
Es ist also „Wendezeit“, wenn man sich mit den präsentierten Büchern befasst: eine Wendezeit aus der Sicht ostdeutscher Kunstschaffender, die sich im Lee des SED-Kulturwinds befanden. „Innere Emigration“ nennen das die Ausstellungsmacher, eine Wende ins Innere, die dennoch politisch ist. Denn viele der handgemachten Bände, die Kunst mit Literatur vereinigen und von hoher Solidarität untereinander künden, tragen den Charme des Samisdats, der selbstverlegten Literatur und der Küchenlesung, künden von der Verwandtschaft zwischen Avantgarde und Subversion. Und zugleich tragen etliche der Bücher bewusst geschaffene Narben, Übermalungen von Zeitungen und metaphorisches Gekritzel, weil sich auch bei Literaten nicht zuletzt wegen des Getöses offizieller Propaganda ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber der Sprache ausbreitete. So zeigen manche Bände Schrift als Kunstobjekt, wie dies unlängst auch im Kunstforum Ostdeutsche Galerie bei einer Retrospektive zu Jirí Kolár zu sehen war.
Klar zu Bewusstsein führt die Ausstellung auch, dass die Wiedervereinigung gerade unter Intellektuellen nicht auf ungebremste Begeisterung stieß. Florian Felix Weyhs reflektiert bitterbös die Strukturen eines demokratischen Gemeinwesens in Portrait des Vereinigungskanzlers als sitzender Kaiser: „Als die Demokratie der griechischen Polis in die Krise geriet, empfahlen die praktischen Philosophen nicht den Erlass neuer Gesetze, sondern den öffentlichen Diskurs. Eine solche Vorstellung ist den sich berufen Wähnenden ein Graus“, heißt es da. Und tatsächlich haben ja auch die sich berufen Wähnenden den Diskurs schnell abgewürgt. In dieser Ausstellung allerdings findet er rückblickend noch einmal statt. (Christian Muggenthaler)


Bis 3. Mai. Staatsbibliothek , Gesandtenstraße 13, 93047 Regensburg,
Mo. bis Fr. 9 – 18 Uhr, Sa. 14 – 18 Uhr. www.staatliche-bibliothek-regensburg.de

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