Kultur

Aggression, bis in den Pinselstrich hinein: Armin Reumanns Gemälde vom Granate werfender Soldat vor der Explosion führt mitten hinein ins Grauen des Schlachtfelds (Foto: Martin von Wagner-Museum)

09.01.2015

Aus der Bahn geworfen

In Würzburg ist das Werk von Armin Reumann zu sehen: ein bislang unentdeckter Schatz

Eine Entdeckung, ja kleine Sensation bedeuten Armin Reumanns Bilder vom Krieg 1914/1918. Es sind 250 – sie sind derzeit im Martin-von-Wagner-Museum in der Würzburger Residenz ausgestellt.
Armin Reumann, 1889 im thüringischen Sonneberg geboren und dort 1952 gestorben, galt während seiner Akademiezeit in München als aufgehender Stern, als eine hervorragende Begabung. Doch dann kam der Erste Weltkrieg. Reumann wurde von der Front beurlaubt; als „Kartenzeichner“, aber praktisch als Kriegsmaler eingesetzt, schuf er privat eine wahre Flut von Zeichnungen, Gouachen und Ölbildern mit Motiven von der Ost- und von der Westfront. Daneben fand er Zeit für einige wenige Plastiken.
Nach Rückkehr in die Heimat malte er noch Landschaften und Stillleben, nahm aber nicht mehr am großen Kunstbetrieb teil – sondern arbeitete als Puppenmacher. Vielleicht hatte ihm das Kriegserlebnis jede Illusion genommen.

Kluge Anordnung

Dass Reumann trotz seines viel versprechenden Karrierebeginns später nahezu in Vergessenheit geraten war, liegt auch daran, dass die Nachkommen sein Werk als Gesamtheit verwahren. Deshalb sind nun nahezu alle in Würzburg gezeigten Bilder noch nie öffentlich zu sehen gewesen – ein Schatz, der durch die kluge thematische Anordnung Einblick gewährt in das Trauma des Kriegserlebnisses, aber auch das Bemühen spüren lässt, reale Eindrücke abseits des Grauens wiederzugeben.
Die Ausstellung beginnt mit den Vorkriegsjahren, mit den Münchner Werken. Reumann erweist sich in seinen Bildern vor 1914 als ausgezeichneter Schilderer mondänen Großstadtlebens bei seinen Porträts, Akten, Selbstbildnissen oder Szenen im Freien in spätimpressionistischer Manier; die expressiven, nervösen Pinselstriche, die eher dunkel bestimmte Palette und die souveräne Einbettung der Figur ins spannungsvolle Ganze zeugen von eigenständiger Meisterschaft.
Bei den Bildern aus dem Krieg ging es Reumann wohl hauptsächlich um die düstere Atmosphäre, von dramatischer Bewegung etwa in flüchtigen, hektischen Situationen und Aktionen, auf den Kontrast von Licht und Schatten und die stimmungsvollen Eindrücken etwa von den ihm fremden Orten und Menschen. So zeigt er, was vor dem Gefecht passiert, wie die Unterstände aussehen, wie sich Truppen sammeln, Wachtposten ausharren oder Soldaten sich anschleichen, Rast halten.
Während diese Bilder noch eine gewisse Gelassenheit ausstrahlen, wirken die Motive, die Angriff und Gefecht wiedergeben, aggressiver. Hier gibt es dann keine Individuen mehr, die Soldaten verbinden sich zur Masse, der Granaten werfende Soldat verschmilzt ganz mit dem düsteren, rötlich beleuchteten Umfeld in der heftigen Bewegung des Pinselstrichs, sodass kaum noch eine Einzelheit zu erkennen ist. Der Tod auf dem Schlachtfeld wirkt aus der distanzierten Beobachtung des Künstlers wie eine Explosion in weit gehender Dunkelheit.
Ein mehrfach abgebildetes Motiv, auch als Plastik, ist der fallende Soldat während des nächtlichen Gefechts, nur vage von diffusem Licht erleuchtet. Auch Verwundete, die Bergung von Toten, ein verendetes Pferd oder eine Baumruine zeugen von den Schrecken des Krieges. Die Folgen seiner zerstörerischen Gewalt sind Züge von Gefangenen, zerschossene Häuser und Kirchen, vor allem in Frankreich und Belgien.

Szenen der Gemütlichkeit

Einen starken Kontrast dazu bilden die fast gemütlichen Szenen im Quartier, im Atelier, ebenso der Alltag der Soldaten, beim Waschen, Essen, bei der Requirierung von Essbarem, in der Begegnung mit Frauen, auch Prostituierten. Pferde konnte Reumann wegen seiner Ausbildung als Tierzeichner an der Akademie gut darstellen.
Am umfangreichsten fanden idyllische oder friedliche Momente ihren Niederschlag auf Zeichnungen und Aquarellen, etwa von Menschen auf dem Balkan, von Landschaften, Orten, Bauten und Kirchen in Mazedonien, Belgien und Frankreich.
Seiner Neigung zur Karikatur gab Reumann in humorvollen Szenen nach. Auf einigen symbolhaften Bildern, etwa mit dem Tod als Reiter, ist die Sehnsucht nach Frieden zu spüren. Erstaunlich aber bleibt der Kontrast der expressiven Kriegs-Gemälde zu den Blicken in eine heile Welt hinter der Front. (Renate Freyeisen)

Bis 15. Februar. Martin von Wagner-Museum, Residenz/Südflügel, 97070 Würzburg. Di./Mi. 10 - 13.30 Uhr, Do./So. 10 - 17 Uhr. http://www.reumann.museum.uni-wuerzburg.de/

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