Kultur

Aalglatt, überpräzise, geradezu altmeiserlich gemalt: Das lässt die Gestalten auf Otto Dix’ Bildern geradezu unheimlich erscheinen. Hier sein Gemälde "Vanitas" (1932). (Foto: VG-Bildkunst)

13.06.2014

Aus einer deformierten Welt

Sie gelten als Antipoden der Kunstgeschichte, doch die Hypo-Kunsthalle zeigt überraschende Gemeinsamkeiten von Otto Dix und Max Beckmann

Zumindest die Liebe zum Blauen Dunst verbindet die beiden Künstler. Darum würde diese Ausstellung wahrscheinlich in Amerika wegen unzulässiger Propaganda für Tabakkonsum verboten: Selten hat man auf einem Haufen so viele Bilder gesehen, die Menschen mit Zigarette zeigen, wie derzeit in der Münchner Hypo-Kunsthalle: Dix/Beckmann – Mythos Welt heißt die umwerfende Schau, die zwei Giganten der deutschen Malerei des 20. Jahrhunderts zusammenspannt. Und das grandiose Kunsterlebnis, das sie ermöglicht, scheint fast den großspurigen Titel zu rechtfertigen.
Dass die Welt als verstehbare, kohärente Einheit nur noch ein Mythos ist, aber keine Realität, das mussten beide Künstler im Ersten Weltkrieg erfahren. Der Sanitätssoldat Beckmann (1884 bis 1950) erlitt nach wenigen Monaten einen Nervenzusammenbruch, der MG-Schütze Dix (1891 bis 1969) war bis zuletzt dabei und versuchte sich – eine Überraschung der Schau – mit harmonisch-bunten Aquarellen im Stil des Blauen Reiter zu beruhigen, die er in freien Stunden malte.
Erst nach dem Krieg brach es dann aus beiden Künstlern heraus: Die ganze Traumatisierung entlud sich eruptionsartig in Grafikzyklen, die den unvorstellbaren Horror, die menschenzerfetzende Widerwärtigkeit des staatlich verordneten Metzelns in erschreckenden Blättern mit zerfetzten Kompositionen widerspiegeln. Aber nicht nur darin, das macht die Schau sichtbar, besteht eine Gemeinsamkeit der beiden Maler, die sich nie begegnet sind und die man ja als Antipoden ansehen kann.

Magischer Sog

Der Aha-Effekt, dass es auch erstaunliche Verwandtschaften zwischen ihren Werken gibt, funktioniert natürlich nur, weil beide so grundverschieden sind. Auch das beweist die Ausstellung (kuratiert von Ulrike Lorenz und Beatrice von Bormann), die schon organisatorisch eine Meisterleistung ist. Eine solche Fülle an hochkarätigen Leihgaben aus Privatbesitz und Museen weltweit wurde da nämlich zusammengetragen, dass man staunend von Bild zu Bild taumelt.
Denn bei aller kunsthistorischen Seriosität setzt die Schau schon auch auf Überwältigung: Gehängt auf purpurdunklen und schwarzgrünen Wänden, können die Bilder eine berauschende Wirkung entfalten, die bei den gängigen nüchtern-analytischen Präsentationen zu kurz kommt.
Dabei besteht doch, wie nun deutlich wird, eine tiefere Gemeinsamkeit der beiden Maler eben in der soghaften Magie, mit der ihre Werke den Betrachter behexen: Dix, der sich – bis hin zur Fingerhaltung auf Selbstporträts – gern als Nachfahre Dürers stilisiert, ist mehr noch ein Nachfahre Hans Baldung Griens. Denn gerade die „neusachliche“ Hyper-Präzision seiner Malweise lässt die Gestalten auf seinen Bildern ins Umheimliche kippen. Die altmeisterliche Anmutung der Gemälde mit ihren emailleglatten, betont museumsreifen Oberflächen steht im bewussten Widerspruch zur grell-aggressiven, karikaturhaften Verzerrung der Dargestellten. All die Schriftsteller, Schauspieler, Kunsthändler, die sich von Dix porträtieren ließen, all die Huren, Kriegsversehrten, Bettler, die er malte, wirken wie Panoptikumsfiguren, wie Schreckgespenster aus der Geisterbahn einer deformierten Welt.
Wo bei Dix aber noch ein ferner Hauch handwerklicher Effektsicherheit mitschwingt, ist es bei Beckmann die obsessive Eindringlichkeit der malerischen Gebärde, die das Geheimnis hinter der Erscheinung wie von selbst hervorgloßen läßt. Es eigens zu evozieren, hat Beckmann gar nicht nötig, und das macht ihn letztlich doch zum größeren Künstler von beiden.
(Alexander Altmann)

Bis 10. August. Hypo Kunsthalle, Theatinerstraße 8, 80333 München. tägl. 10 – 20 Uhr. www.hypo-kunsthalle.de

 

Abbildung (Foto: VG-Bildkunst)
Max Beckmann beeindruckt mit seiner eindringlichen malerischen Gebärde; hier Traum des Bildhauers (1946/47).

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