Kultur

Für seine Ansicht von München (1761) wählte Canaletto die Blickrichtung vom heutigen Rosenheimer Berg aus. (Foto: Alte Pinakothek, Bayerische Staatsgemäldesammlungen)

31.10.2014

Avantgardist des 18. Jahrhunderts

Die Canaletto-Ausstellung in der Alten Pinakothek verspricht ein Publikumsrenner zu werden

Doch, das geht: Man kann etwas fürs Klima tun und gleichzeitig fürs Publikum. Mitten in der energetischen Sanierung, die eine Schließung des halben Hauses nötig macht, wartet die Alte Pinakothek in München nämlich mit einer richtigen Blockbuster-Schau auf. Canaletto – Bernardo Bellotto malt Europa heißt die große, auch mit internationalen Leihgaben bestückte Ausstellung, für die man extra einen schick gestylten Holz-Windfang vors Ost-Portal gebaut hat, um den wartenden Besuchermassen Schutz vor widriger Witterung zu gewähren.
Und dass der Andrang groß sein wird, ist abzusehen, denn schließlich gehört der Veduten-Meister Bellotto (1722 bis 1780), der sich – wie schon sein Onkel und Lehrer Antonio Canal – Canaletto nannte, zu den großen Publikumslieblingen.
Die Besucher-Erwartungen werden fast übertroffen angesichts der Fülle prachtvoller, großformatiger Stadtansichten, die raffiniert beleuchtet in abgedunkelten Räumen prangen: Dresden, München, Wien, Warschau, auch Florenz, Rom und natürlich seine Heimatstadt Venedig hat Bellotto gemalt. Die gern genannten Gründe für seine anhaltende Beliebtheit sind indes alle nicht hinreichend – wenn auch in der Sache zutreffend: Es stimmt, Canalettos Hintergrund-Landschaften nehmen bereits Auffassungen des 19. Jahrhunderts vorweg, weshalb man ihn auch als „Protoromantiker“ bezeichnete – oder einfach als Avantgardisten, wie es Andreas Schumacher tut, der Kurator der Schau.

Biedermeierlicher Humor

Tatsächlich haben nicht nur die Landschaften, sondern auch anekdotische Elemente, mit denen der Künstler seine Gemälde anreichert, manchmal weniger mit dem Geist des 18. Jahrhunderts zu tun, sondern mehr mit dem bürgerlich-biedermeierlichen Humor etwa eines Carl Spitzweg. So zeigt das wunderbar idyllische, mehr als nur „proto“-romantische Bild Die Festung Sonnenstein über Pirna müßige Soldaten neben überwucherten Kanonen, die darauf schließen lassen, dass das sächsische Militär damals – kurz vor dem Siebenjährigen Krieg – vielleicht nur bedingt abwehrbereit war.
Zurecht wird auch betont, die dokumentarische, teils dem Einsatz der Camera obscura verdankte Detailtreue von Bellottos Postkartenmotiven wie auch deren Kompositionen und Blickwinkel seien bereits fotografisch, etliche Jahrzehnte vor Erfindung der Fotographie. Nicht weniger zutreffend ist andererseits die Feststellung, die Gemälde hätten etwas dezidiert Theatralisches, sowohl in ihrer „Kulissenschieberei“, als auch mit ihren gekonnten Licht-Schatten-Effekten.
Überraschend wirkt es vielleicht auf manchen Betrachter, wenn Canalettos repräsentative, im Auftrag regierender Fürsten gemalte Ansichten ihrer Städte und Schlösser als Staffagefiguren im Vordergrund immer auch einfaches Volk bei der Arbeit, ja sogar Bettler und Sieche zeigen. Ob man darin wirklich, quasi im Vorfeld der Französischen Revolution, einen Hinweis auf üble soziale Verhältnisse sehen soll, ist fraglich. Naheliegender scheint es, in der Mischung aller gesellschaftlichen Klassen ganz traditionell feudalistisch das Abbild einer gottgewollten Ständeordnung zu erkennen: Die Vielfalt von Figuren unterschiedlichster Rangstufen wären dann sogar eher als Zeichen eines harmonisch geschlossenen Gemeinwesens zu lesen.
Denn das ist bis heute der entscheidende Grund für die Faszination dieser Bilder: Man kann zwischen der Fülle ihrer erzählerischen Einzelheiten nicht nur lustvoll spazierengehen, sondern sie binden auf fast magische Weise diese Vielfalt an eigentlich disparaten Details in atmosphärischem Einklang zusammen, sodass sie die Frohbotschaft einer wohlgeordneten Welt verkünden. Das schmeichelt den Regenten und erquickt die Untertanen.
So zeigt sich an Bellotto mustergültig, wie in aufklärerischen Zeiten Kunst allmählich Funktionen der brüchig gewordenen Religion übernimmt.
(Alexander Altmann)

Bis 18. Januar. Alte Pinakothek, Barer Straße 27, 80333 München Di. 10 – 20 Uhr, MI. bis So. 10 – 18 Uhr.
www.pinakothek.de

Abbildung:
Geradezu wie fotorealistische Ansichtskarten erscheinen viele von Bernardo Bellottos Stadtansichten, hier die Piazzetta di San Marco in Venedig (um 1742). (Foto: National Gallery of Canada, Ottawa)

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