Kultur

Bühnenschlacht im Gerichtssaal: Das Residenztheater zog den Kürzeren, "Baal" verschwindet im Off. (Foto: Thomas Aurin)

19.02.2015

Baal verbannt

Castorfs Brecht-Interpretation darf nur noch zwei Mal gespielt werden

Mit Werken von Bertolt Brecht haben es Regisseure nicht leicht -Eingriffen in den Text schieben die Erben des Autors einen Riegel vor. Auch Frank Castorfs Baal darf am Münchner Residenztheater nicht so oft aufgeführt werden wie eigentlich geplant. Am 28. Februar hat das Publikum ein letztes Mal die Chance, die umstrittene "Baal"-Inszenierung von Regisseur Frank Castorf am Residenztheater zu sehen. Danach wird die Produktion nur noch einmal aufgeführt, und zwar beim Theatertreffen im Mai in Berlin. Darauf haben sich das Residenztheater und der Suhrkamp Verlag in München geeinigt.

Die Erben Bertolt Brechts monieren bei der Castorf-Interpretation einen zu massiven Eingriff in den Originaltext. Es handele sich "um eine nicht-autorisierte Bearbeitung des Stückes von Bertolt Brecht" und sei eine Urheberrechtsverletzung, teilte der Suhrkamp als Vertreter der Erben nach der Premiere mit. Der Verlag wollte die Aufführung des Stückes daraufhin per einstweiliger Verfügung verbieten lassen.

Sechseinhalb Stunden verhandelten die Parteien am Mittwoch vor dem Münchner Landgericht, ehe sie am späten Abend mühsam eine Einigung erzielten. Streckenweise entwickelte sich die Verhandlung zu einer Posse, die für reichlich Heiterkeit im Publikum sorgte.

Einen Einigungsvorschlag des Richters lehnten Anwalt und Justiziarin des Verlages ab. Das Residenztheater hatte sich unter anderem bereiterklärt, das Theaterstück nicht über die bereits geplanten Termine im Februar und März sowie beim Theatertreffen in Berlin hinaus aufzuführen und außerdem den Titel zu ändern.

Die Justiziarin nannte es erpresserisch, das Stück erst aufzuführen und dann um die Zustimmung zu bitten. Konkrete Absprachen über die Änderungen im "Baal" - Castorf hat zahlreiche Fremdtexte, unter anderem von Arthur Rimbaud, eingefügt - habe es vor der Premiere nicht gegeben. Auch durch den Aufführungsvertrag zwischen der Bühne und dem Verlag seien die Änderungen nicht gedeckt. Das sahen die Vertreter des Theaters anders. Sie hätten den Verlag über die geplante Aufarbeitung des Stückes informiert, zudem sei die freie Arbeitsweise Castorfs im Hause Suhrkamp bekanntgewesen.

Der Richter versuchte mehrfach, die Verlagsvertreter von einer Einigung zu überzeugen. Schließlich würde die Aufführung beim Theatertreffen in Berlin möglicherweise gar zum Ruhme des Autors beitragen. Und: "Der Suhrkamp Verlag müsste auch noch hinnehmen, dass Tantiemen an den Verlag fließen." Der Verlag pochte jedoch auf eine Entscheidung des Richters.

In der "Baal"-Verhandlung verwiesen die Vertreter des Theaters auf ein angebliches besonderes Wohlwollen der Brecht-Tochter Barbara Brecht-Schall gegenüber Castorf und darauf, dass dem Skandal-Regisseur größere Freiheiten zugestanden worden seien. Sicher klären ließ sich die Frage nach dem Wohlwollen jedoch nicht.

"Das ist schwach", entfuhr es dem Theater-Intendanten Martin Kusej, als Suhrkamp einen Vergleich zunächst ablehnte. Schließlich seien beide Seiten in der selben Branche, nämlich dem Theater, tätig und da wäre eine Einigung doch schön. Als der Suhrkamp-Anwalt bei Nachfragen zu den Aufführungsrechten und Erbverträgen zunächst keine Vertragskopien vorlegen konnte, fand der Richter deutliche Worte: "Sie sind hier auf einer Rasierklinge unterwegs."

Erst nach mehrstündigen Zeugenvernehmungen, in denen es unter anderem um Absprachen zwischen Theater und Verlag zu möglichen Änderungen der Textfassung Brechts ging, lenkte Suhrkamp schließlich ein. Zwei Aufführungen finden noch statt - darüber hinaus wird Castorfs "Baal" von der Bühne verbannt.

In einer heute herausgegeben Mitteilung des Residenztheaters meint Intendant Martin Kusej: "Man kann uns aber natürlich nicht das Theaterspielen verbieten, sondern nur die Verwendung bestimmter Texte in bestimmten Zusammenhängen. Wir werden daher selbstverständlich nach einem kreativen Umgang mit der entstandenen Situation suchen. Das sind wir dieser wirklich außergewöhnlichen Inszenierung, allen Beteiligten auf und hinter der Bühne und vor allem dem Publikum schuldig." (dpa, BSZ)

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