Kultur

Die „Musica antiqua“-Reihe eröffnete im Nürnberger Germanischen Nationalmuseum ihre neue Saison. (Foto: dpa)

30.10.2015

Bach neu gebastelt

"Musica antiqua" im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg

Mit Bach-Kantaten, da lässt sich viel anfangen: man kann ein weltweite Pilgerreise machen (John Eliot Gardiner), man kann sie für die Bühne inszenieren (Peter Konwitschny), sich eigens die „Dialogkantaten“ herauspicken (wie jetzt Johanna Winkel und Thomas E. Bauer auf einer neuen CD). Oder man kann neue machen: „instrumentals“. Wie jetzt die Berliner Lautten-Compagney unter Wolfgang Katschner. Damit eröffnete die ambitionierte „Musica antiqua“-Reihe im Nürnberger Germanischen Nationalmuseum ihre neue Saison, und der Aufsesssaal war wie immer proppenvoll. Auf dem Podium baut Katschner ein kleines Barockorchester auf: Das spielt aus einer Vielzahl von Original-Kantaten-Bestandteilen komponierte „instrumentale Kantaten“, denen Katschner neue Titel verpasst. Also keine Vokalisten, kein Chor, kein Rezitativ, kein Choral, keine Arien. Allerdings: Katschners Solisten, die „singen“ auf ihren Instrumenten so perfekt, dass man echte Sänger nicht immer vermisst.

Melodische Erfindungen

Angesichts dieser Besetzung „mit vielerlei Stimmen“ (so heißt das Programm) fragt sich Frank P. Bär, Leiter der Instrumentensammlung des GNM, schon, was denn von Kantaten übrig bleibt, wenn sie ganz ohne das Wort auskommen müssen – gerade bei einem evangelischen Komponisten. Seine Antwort zu Beginn des Konzerts: „Man kann Bachs Musik in ihrer einfallsreichen Instrumentierung entdecken“, bewahrheitet sich in den nächsten zwei Stunden, ja schon in den einleitenden Concerti BWV 10/2 und 17/3 zur ersten dieser Katschner-Kantaten mit dem Titel „Mein gläubiges Herze, frohlocke, sing‘ und scherze“: faszinierende instrumentale Farbigkeit.

In seinen Instrumentalkantaten (was ja eigentlich in Widerspruch in sich ist) stellt Katschner nicht willkürlich hübsche Kleinigkeiten aus, sondern er gibt einen stilistischen Rahmen vor: „Die Seele ruht in Jesu Händen“ ist in der Mitte des Programms deutlich kontemplativer, religiöser ausgerichtet. Aber auch hier setzt er Satz für Satz, Arie für Arie das Orchester neu zusammen, lässt die Blockflöten arios singen, die Streicher mit strammem Rhythmus voranschreiten. Das hat jeweils seinen eigenen Charme, aber im Grunde keinen dramaturgischen Zusammenhang und ist von Sinn und Zweck Bachscher Kantaten weit entfernt. „Best of Bach“, das ist ein schöner Einblick in barocke Instrumentierungsfeinheiten und in melodische Erfindungen: duettierende Violinen, exquisite Kombinationen wie für Querflöte und Kontrabass, rhythmisch virtuose Attraktionen.

Was an Inbrunst des Wortes fehlt, ersetzen die Musiker durch die Inbrunst musikalischen Ausdrucks: ohne eine Cellistin wie Ulrike Becker, einen Fagottisten wie Jennifer Harris und ihren hingebungsvollen Einsatz würde das Ganze nicht funktionieren. Dem BR als Mitveranstalter ist dieses kulinarische Funkeln grad recht: Damit hat er gleich etwas für den Euroradio-Weihnachtstag am 20. Dezember. Schon vorher kehrt die Musica Antiqua zu ihrem Kerngeschäft zurück. Mit Cembalomusik auf einem „Ruckers“ aus Antwerpen und damit auf einem der besten Cembali des Barock (9. 12.), der bekannten osmanischen Sarband-Band und ihrem morgenländischen Schlagwerk (20. 1.) oder einer Erinnerung an John Dowlands Aufenthalt in Nürnberg: 1595. (Uwe Mitsching)

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Kommentare (1)

  1. Fagottistin am 30.10.2015
    Nicht "einen Fagottisten", sondern "eine Fagottistin". ..

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