Kultur

31.05.2013

Beichtgeheimnisse

Voyeuristisches von Gillian Wearing im Museum Brandhorst

Die Wege der Erkenntnis sind manchmal verschlungen. Da geht man ins Museum, um Kunst anzuschauen, und wenn man wieder rauskommt, weiß man, wie sich vielleicht mancher Pfarrer im Beichtstuhl fühlt: nicht sehr gut. Eine Art Beichtstühle sind derzeit nämlich auch im Münchner Brandhorst-Museum aufgestellt. Dass die bunten Bekenntnis-Kabinen, auch entfernt an öffentliche Bedürfnisanstalten erinnern, kann Zufall sein – oder ein heimtückischer Kommentar der Künstlerin Gillian Wearing (geboren 1963), von der diese Installation mit dem Titel Confess All On Video stammt. Sie ist Teil einer Ausstellung mit Werken der Engländerin, die 1997 den Turner-Prize erhielt, eine der höchstdotierten und darum angesehensten Kunst-Auszeichnungen.
Veranstaltet wird die Schau von der Pinakothek der Moderne – wo sie allerdings sanierungsbedingt nicht stattfinden kann. Aber das benachbarte Museum Brandhorst bietet als Exil-Ort einen passenden Rahmen für die strengen, kryptoreligiösen Foto- und Video-Exerzitien der Britin.
Wer also in den Beichtstühlen Platz nimmt, sieht in Videos Menschen, die sehr private Geständnisse ablegen – was wohl nur möglich ist, weil sie ihre Gesichter hinter Masken verbergen. Die seelische Intimität wirkt auf den Betrachter jedenfalls nach kurzer Zeit fast unerträglich beklemmend, sodass man rasch aus den Bekenntnis-Häuschen flieht – um sich gleich wieder in der Voyeurs-Position zu finden: Die wandgroße Video-Projektion Sacha and Mum zeigt in schwarzweißer Vintage-Anmutung eine spießig-verbiesterte Mutti, die im Ambiente einer Kleinbürger-Wohnstube offenbar ihre (nur mit Unterwäsche bekleidete) erwachsene Tochter malträtiert, an den Haaren zieht, auf den Boden stößt. Dass dieser hart an der Grenze zu sogenannten Femdom-Pornos angesiedelte Film rückwärts abläuft, merkt man kaum, aber die latenten Verfremdungs-Effekte, die so entstehen, weisen die Szene als artifizielles „Theater“ aus.

Demaskierende Maskeraden

Denn die verschwimmende, unklare Grenze zwischen Realität und Fiktion, zwischen Rolle und Person, Maskierung und Authentizität ist ja das große Thema dieser Künstlerin. Ihre Arbeiten sind eine Art Geistes-Trompe-l’oeils des Medienzeitalters, wo Individuen sich, je nach sozialer Schicht, den genormten Charakteren aus der Vorabendserie angleichen – oder den „vielschichtig-gebrochenen“ Typen aus dem Arthouse-Film.
Aber wie Cindy Sherman und andere, die bereits vor Gillian Wearing die modische Theorie von der „Identität als Konstrukt“ bebildert haben, tendiert auch die Turner-Prize-Trägerin zur Allegorie. Ob der Künstlerin klar ist, dass sich in den demaskierenden Maskeraden, die sie veranstaltet, ein „wertkonservatives“ Beharren auf der Eigentlichkeit manifestiert? Das bleibt ihr Geheimnis. Ihr Beichtgeheimnis sozusagen. (Alexander Altmann)


Bis 7. Juli. Museum Brandhorst, Theresienstraße 35, 80333 München. Täglich außer Mo. 10 – 18 Uhr; Do. 10 – 20 Uhr. www.museum-brandhorst.de

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