Kultur

14.10.2015

Bezüge zum Hier und Heute

Das ETA Hoffmann Theater in Bamberg zeigt Friedrich Hebbels „Nibelungen“

Sibylle Broll-Pape stellt schwere Fragen in ihrer ersten Spielzeit am Bamberger ETA Hoffmann Theater. Fragen, um die man hierzulande gern einen Bogen macht, Fragen, die aber den Nerv der Zeit treffen: „Was ist deutsch? Wie beschreiben wir das Deutschsein? Was hat sich daran geändert? Wie werden wir es in Zukunft beschreiben?“ Zum Saisonstart inszeniert die neue Intendantin ein Großdrama dazu: Friedrich Hebbels Nibelungen.
Zwischen 1850 und 1860 hat Hebbel an seinem Stück gearbeitet. Dessen Urstoff, das Nibelungenlied, war damals gerade zum Nationalepos erhoben worden. Hebbel schmiedete daraus ein „deutsches Trauerspiel in drei Abteilungen“, gedacht für zwei Abende. So wird es auch in Bamberg gespielt werden. Zur Premiere am Samstag aber wuchtet Broll-Pape beide Teile an einem Abend auf die Bühne. Tags zuvor will das Theater ein Eröffnungsfest feiern, am Tag danach folgt die Uraufführung Rechtes Denken von Konstantin Küspert. Ein Kraftakt also mit Hebbels Nibelungen als Hauptstück. Fast ein Drittel hat die Intendantin gestrichen. Der erste Teil dauert, schätzt sie, „inklusive einer Pause fesselnde zweieinhalb Stunden. Der zweite Teil spannende eineinhalb“.
Zwölf Schauspieler spielen mit, teilweise in mehreren Rollen. „Hinter der Bühne sind nochmal zirka acht bis zehn Kollegen beschäftigt“, so Broll-Pape, „ohne einen ausgeprägten Gemeinschaftssinn geht das natürlich nicht, aber den haben alle!“ Verhandelt werden die Urthemen des Menschseins: Liebe, Verrat, Eifersucht, Rache und Krieg. Die „reiche, spannende und leidenschaftliche Geschichte“ wäre für Broll-Pape schon Grund genug, das Drama auf die Bühne zu bringen. Aber es geht für sie um mehr: „Das Stück wirft für uns Zeitgenossen die Frage danach auf, was machen wir in global bewegten Zeiten mit unseren Wünschen nach Zusammenhalt, nach einer Identität, die sich unterscheidet von anderen. Sind Kategorien wie Nation, ethnische Einheit unhaltbar? Und wenn ja, wie werden wir ohne sie leben?“
Dass Die Nibelungen schon lange kein Identifikationsmythos mehr sind, streitet Sibylle Broll-Pape nicht ab. Der Stoff zeige aber das Herkommen: Es seien vor allem vermeintlich „männliche“ Tugenden, die für das Deutsche aus dem Epos abgeleitet wurden: Tapferkeit, Mut, Treue et cetera, so die Intendantin. „Aus weiblicher Sicht kann man das auch drehen in: Naivität, Untergangsirrsinn, Kadavergehorsam.“ Die großen Frauenfiguren des Dramas, Kriemhild und Brunhilde, stehen da nicht abseits: „Beide kämpfen für ihre Überzeugungen. Ohne Wenn und Aber.“
Dass eine Gesellschaft „todestrunken in einen Vernichtungsfeldzug geht bis zum bitteren Ende“, hat in diesem deutschen Trauerspiel nichts Heroisches. Für Broll-Pape zeigt Hebbel vielmehr, „wie schnell auch in aufgeklärten Zeiten der Rückfall in die Barbarei möglich ist und er warnt davor.“
Zur Umsetzung auf der Bühne will sie nicht zu viel verraten: „Es ist ein überzeitliches Setting, das jederzeit Bezüge zum Hier und Heute zulässt, aber auch die Anbindung an den mythischen Grund ermöglicht.“ (Thomas Wirth)

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