Kultur

Die nie vollendeten Räume in Herrenchiemsee inspirierten Bühnenbildner Jürgen Rose zu einem „unfertigen“ Ambiente für den König, den in der heutigen Premiere Tigran Mikayelyan tanzt. (Foto: Hösl)

21.04.2011

Bilder eines unfertigen Lebens

John Neumeiers Ballett "Illusionen wie Schwanensee" kommt endlich nach München – passend im Jahr des 125. Todestages von Ludwig II.

Vier große Handlungsballette und einen gemischten Abend vom berühmten John Neumeier hat das Bayerische Staatsballett im Repertoire. Auf ein Werk, das unbedingt nach München gehört, musste es allerdings 35 Jahre warten. Endlich und passend im Jahr des 125. Todestages von Ludwig II. hat es geklappt: Illusionen wie Schwanensee, zu dem der „Märchenkönig“ den Hamburger Ballettintendanten und seinen Ausstattungskünstler Jürgen Rose inspirierte, eröffnet am heutigen Gründonnerstag die Ballett-Festwoche im Nationaltheater.
„Die Geburtsstunde dieses Projekts war sicher ein Abendessen mit Jürgen Rose, um über ein geplantes Dornröschen zu sprechen, zu dem wir aber keine rechte Lust hatten“, erinnert sich John Neumeier. Rose, der damals eine neue Idee von Schwanensee mit sich herumtrug, erzählt dann so begeistert von Ludwig II. und seinen Schlössern, dass auch Neumeier Feuer fängt. Ihm seien schon in diesem Moment die wichtigsten Komponenten des Balletts präsent gewesen. Nämlich den von Petipa und Iwanow choreografierten Tschaikowsky-Schwanensee psychologisch zusammenzuführen mit einer Königsfigur zwischen Realität, Erinnerungen und Visionen.
„Wir haben dann gemeinsam alle Schlösser Ludwigs besichtigt. Aber erst in Herrenchiemsee, und zwar in den unfertigen Räumen, haben wir die bildliche Essenz für das Ballett gefunden. In diesen Backsteinmauern spürte man förmlich die Präsenz von Ludwig, man bekam ein Bewusstsein von seinen Wünschen und Visionen, von seinem ,unfertigen Leben’. Dieser Eindruck wurde dann zum ,Rahmen’ des Balletts. Der von Jürgen Rose nachgebildete unfertige Raum von Herrenchiemsee.“

Unverstandener Künstler

Der Abend sei aber keinesfalls eine choreografische Biografie, sagt Neumeier: „Man muss Ludwig II, den Schwanensee-Prinzen Siegfried und Peter Tschaikowsky zusammensehen, mit ihren Gefühlswelten, in denen sich Parallelen zeigen. Daraus resultiert, glaube ich, die Hauptfigur meines Balletts. Mit der Homosexualität gehen die Menschen heute sicher freier um. Aber es sind ja viele verschiedene Aspekte, die diesen ,König’ ausmachen. Ein ganz wichtiger Punkt ist seine Neigung, Dinge zu bauen. Er ist auch teilweise selber Künstler, und auch als Künstler nicht ganz verstanden.“
So wie Neumeier dramaturgisch vorgegangen ist, wird es nicht schwierig sein, dem Ineinander von realer Gegenwart und den Illusionen des Königs zu folgen: „Zu Beginn des Balletts für wahnsinnig erklärt, stößt der König in diesem unfertigen Raum auf ein Schwanensee-Bühnenbildmodell. In dem Moment erklingt der 2. Akt von Tschaikowskys Schwanensee. Und er erlebt nun dieses Ballett, ähnlich wie Ludwig II. damals seine separaten Opern-Vorstellungen. Später, auf einem Maskenball, ahmt seine Verlobte Natalie die Schwanen-Königin nach, also das einzige Wesen, das er lieben könnte. Indem sie das Originalballett heraufbeschwört, produziert Natalie eine Art Illusion, mit der sie hofft, den König doch noch für sich zu gewinnen.“
Neumeiers Art, sich im Gespräch tief und ernsthaft – so als wäre es das erste Mal – mit dem Sujet auseinanderzusetzen, lässt sein Engagement nicht nur bei dieser Produktion erahnen. Zu Recht spricht Horst Koegler in seinem Buch John Neumeier – Bilder eines Lebens von einem Ballett-Imperium, das der 69-jährige Amerikaner aufgebaut habe: das Hamburger Ensemble (seit 1973), das jährlich international tourt; die kontinuierlichen Produktionen – es sind bereits 130 Werke, breit gefächert vom Erzähl- und sinfonischen Ballett bis zum Musical; die Einstudierungen auf der ganzen Welt; eine Schule, ein Museum, eine Sammlung, eine Stiftung. „Und jetzt versuche ich gerade, eine neue Compagnie, das ,Bundesjugendballett’, auf die Beine zu bringen“, sagt Neumeier. Er fühle sich nicht gestresst: „Die Kreativität gibt mir große Freude. Alles andere versuche ich, so wie Ringe um die Kreativität herum zu erledigen.“
Jetzt steht auch die Sicherung seines Lebenswerkes an, dazu gehört auch eine große und wertvolle Büchersammlung: „Ich denke, dass die Lizenzen und Tantiemen für meine Werke die Sammlung und meine Bibliothek weiter unterstützen können. Natürlich will man nicht so unbedingt an den Nachlass denken, wenn man noch mitten in der Arbeit steht. Aber ich glaube, ich bin pragmatisch genug, um jetzt einen Plan zu erarbeiten, wie es über meinen Tod hinaus mit meinem Lebenswerk weitergehen soll.“ (Katrin Stegmaier)

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