Kultur

Daniel Grossmann wird mit dem Orchester Jakobsplatz die Uraufführung übernehmen. (Foto: C. Schneider)

11.07.2014

Bis an die Grenzen des Glaubens

Daniel Grossmann über die Uraufführung "Zeisls Hiob" bei den Münchner Opernfestspielen

Joseph Roths Roman Hiob (1930) ist in einer Schauspielfassung ein großer Erfolg der Münchner Kammerspiele. Jetzt gibt es eine Oper, die heißt Zeisls Hiob: Sie ist mehr oder weniger eine Uraufführung und wird im Rahmen der Münchner Opernfestspiele und ihres vierteiligen Projekts „Wie wird man, was man ist?“ dreimal in der Reithalle gespielt. Maßgeblich vorbereitet hat das Projekt Daniel Grossmann, der mit seinem „Orchester Jakobsplatz München“ den Orchesterpart übernimmt.
Die schwierigste Frage: Wie wird aus Roths Hiob ein Zeisls Hiob? Die Antwort führt zu dem 1905 in Wien geborenen Komponisten Erich Zeisl: Er wuchs künstlerisch im Umfeld der Neuen Wiener Schule auf, stand im Austausch mit Dichtern, war mit Hilde Spiel befreundet, hatte Kontakt zu Psychoanalytikern und war als Komponist mit Liedern mäßig erfolgreich: „Eine der stärksten Persönlichkeiten der noch nicht dreißigjährigen Wiener Komponisten“, schrieb man 1934 über ihn.
Jäh unterbrochen dann seine Karriere durch den Einmarsch der Nazis: Die jüdische Familie weicht nach der Reichspogromnacht nach Paris aus, emigriert später in die USA, in Los Angeles ist Zeisl 1959 gestorben.
Ein Libretto von Hans Kafka nach Joseph Roth war wohl irgendwann fertig, aber komponiert hat Zeisl davon nur zwei Akte, die Vollendung einige Jahre später hat ihm der Tod aus der Hand genommen. Ein paar Hiob-Stücke zu einer Pariser Theatervorstellung sind im Rahmen einer „Schauspielmusik“ geblieben: Sie waren aber wohl der Ausgangspunkt für Zeisls Idee, Roths Hiob als „Große Oper“ zu vertonen.
Viel Rekonstruktionsarbeit sei das gewesen, zum Teil zusammen mit Zeisls Tochter, sagt Daniel Grossmann. Den fehlenden zweiten Teil hat nun der polnische Komponist Jan Duszynski komponiert: Dieser habe sich, so Grossmann, von Erich Zeisls tonaler Musik, dieser letztlich klassisch durchkomponierten Oper über ein jüdisches Schicksal, „komplett gelöst“. Die extrem aufwändige Originalbesetzung bei Zeisl, zu der eigentlich noch ein Hundert-Mann-Chor käme und eine Vielzahl an solistischen Rollen, haben Grossmann und Duszynski auf 30 Musiker verschlankt. Daran hält sich auch die Ergänzung: in „Duszynskis eigenem Stil – auch wieder melodiös, lautmalerisch, mit Einsprengseln von Pop- und Filmmusik, Klappengeräuschen bei den Bläsern, Battuto bei den Streichern“, verrät Grollmann und fasst es in einem Wort zusammen: „kammeropernhaft“.

Lehren statt komponieren

Zeisl – war er auch eine Hiob-Figur? Daniel Grossmann verrät: Auch er hat Zeisl und seine Musik nur beiläufig gekannt, höchstens einige Lieder und sein Requiem Ebraico im Gedenken an die Holocaust-Opfer. Den Bruch in seinem Leben durch die Emigration hat Zeisl nie verwunden, immerhin konnte er als „Eric“ durch Zeitungsberichte, einige Aufführungen (auch im Radio) seine Familie durchbringen. In Hollywood waren die lukrativen Plätze durch andere Emigranten schon besetzt, Lehraufträge (in Los Angeles als Vorgänger von Ernst Krenek) sicherten ihm das Auskommen.
Aber von Hiob hat sich Grossmann überzeugen lassen: „Ich würde gerne das Requiem aufführen oder das für Gregor Piatigorsky komponierte Cellokonzert: Das Problem sind die erforderlichen großen Besetzungen und die teure Beschaffung des Notenmaterials.“
Die Bayerische Staatsoper hat es, so Grossmann, an großzügiger Ausstattung für die Festspiel-Uraufführung an nichts fehlen lassen. Der Charaktertenor Chris Merritt wird den Mendel Singer gestalten, die großartigen jungen Sänger des Opernstudios singen die zehn Rollen dieses Hiob-Schicksals. Die Inszenierung in der genauso schwierig wie reizvoll zu bespielenden Reithalle (Ausstattung: Philine Rinnert) probt derzeit Miron Hakenbeck, mit dem Grossmann schon seit Jahren zusammenarbeitet: „Wir haben viele Stücke diskutiert und wollten schließlich einen biblischen Stoff aufarbeiten, der sich mit Schuld und Vergebung beschäftigt, mit den Urthemen der Bibel also. Und wir haben diskutiert, ob wir ein Fragment aufführen sollen. Aber wir wollten die Geschichte zu Ende erzählen bis an die Grenzen des Glaubens und bis zum erlösenden Wunder.“ (Uwe Mitsching)

Premiere am 19. Juli.
www.bayerische.staatsoper.de

Abbildung (Foto: Archiv)
Erich Zeisl (1905 bis 1959) komponierte Hunderte von Liedern; seine Oper Hiob blieb ein Fragment. 

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