Kultur

Die Maße des Besens passt Abbas Akhavan den jeweiligen Ausstellungssituationen an. Hier eine Installationsansicht aus einer Galerie in Istanbul. (Foto: Mustafa Hazneci)

01.09.2017

Bizarre Grenzwanderung

In der Münchner Villa Stuck demonstriert Abbas Akhavan die gewaltsame Kollision von Natur und Kultur

Moment mal, liegt da nicht etwas Pelziges unter einer Sitzbank im prächtigen Empfangssaal der Münchner Villa Stuck? Bei näherem Hinsehen entpuppt sich das Wesen tatsächlich als Fuchs, der entspannt eingerollt in den historischen Wohnräumen Franz von Stucks zu schlummern scheint. Sind nach der Renaturierung der Isar jetzt also auch die Museen dran? Sollen die Wildtiere allmählich die Steinwüste zurückerobern? Wird im nächsten Schritt gar der Marienplatz bewaldet?

So charmant solche Gedanken erscheinen, die Realität ist leider weit weniger kuschelig als dieses Pelztierchen, bei dem es sich um einen überfahrenen Fuchs handelt, den Abbas Akhavan in der Haltung ausstopfen ließ, die das Tier im Tod einnahm.

Aber in dieser Schau glaubt man ja ohnehin erstmal, man steht im Wald: Wer die Ausstellung betritt, stößt gleich auf eine meterhohe Thujenhecke, die den Weg versperrt. Man muss also weit um die üppige Bepflanzung herumgehen, doch zur Belohnung gibt es dann eine Art Entgrenzungserlebnis. Die üblicherweise verdeckten Riesenfenster im Ateliertrakt sind freigelegt und stehen weit offen. Die Klimaanlage wurde ausgeschaltet, Licht, Luft und Sonne strömen in die sonst immer dämmrigen Räume, der große Saal ist so frei und leer, dass man aufatmet.

Kräftig durchgelüftet

Der 1977 in Teheran geborene, heute in Kanada lebende Abbas Akhavan ist ein Künstler, der seine Arbeiten immer für die jeweilige Ausstellungssituation vor Ort konzipiert, ja die Ausstellungsräume durch Interventionen selbst zum – flüchtigen, zeitlich begrenzten – Kunstwerk macht.

In der Villa Stuck hat er also kräftig durchgelüftet– und gefegt: Zu den Exponaten gehört ein absurder, mehrere Meter breiter Besen, von dem man nicht weiß, ob er Traum oder Albtraum jeder schwäbischen Hausfrau im Kehrwochen-Rausch ist.

Zum Ausgleich lässt der Künstler Blumen sprechen, wenn auch kaum weniger abgründig. Denn die bunten Sträuße stehen in einer Hightech-Kühlvitrine, wo man ihr verlangsamtes Welken beobachten kann.
Vergänglich sind, zum Glück, muss man hier sagen, aber auch die grusligen schwarzen Verrußungen über den Fensterstürzen im Obergeschoss, die den Eindruck erwecken, es hätte draußen, vor dem Fenster, ein Feuer gewütet. Und fast schon in den Bereich Land Art gehört die ebenfalls ephemere Erdskulptur, die riesige Klauen und Fußrümpfe eines Fabeltieres darstellt. Sie ist die Nachbildung jener Reste einer altbabylonischen Kolossalstatue im Irak, die vom IS zerstört wurde.

Es sind also nicht nur, wie im Fall des Fuchses, die gewaltsamen Kollisionen zwischen Natur und Kultur, die Akhavans Werk zum Thema macht. Es sind auch die Schnittstellen, Überlagerungen, Verwerfungen beider Bereiche und damit die Frage, wo genau die Grenze zwischen Natur und Kultur verläuft. So wie etwa im Fall der Thujenhecke, die schon seit Jahrhunderten zur Begrenzung von Grundbesitz verwendet wird. Sie ist einerseits Natur, fungiert aber andererseits im Kontext der kulturellen Konvention des Eigentums.
Schön, dass eine Arbeit auf dem Freisitz den versöhnlichen, fast verklärten Abschluss bildet: ein Wasserbecken, in dem sich Architektur, Bäume, Himmel und der Betrachter einträchtig spiegeln. (Alexander Altmann)

Information: Bis 1. Oktober. Museum Villa Stuck, Prinzregentenstraße 60, 81675 München. Di. bis So. 11-18 Uhr; jeden ersten Freitag im Monat freier Eintritt zwischen 18 und 22 Uhr.

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