Kultur

Noch nicht beim Bild ohne Gegenstand angelangt – auch dafür steht Kandinskys Murnau mit blauem Haus (1908). (Foto: VG Bild-Kunst)

19.09.2014

Blaues Haus mit gelbem Klang

Im Schlossmuseum Murnau geht es um die Künstlerfreunde Wassily Kandinsky und Alexander von Jawlensky

Gelber Klang im Blauen Land, wo das Blaue Haus steht: Soviel Farbrausch bedarf der Erklärung. Was der Maler Wassily Kandinsky zehn Jahre lang entwickelt hatte, machts der Kriegsausbruch 1914 zunichte: nämlich ein Konzept abstrakter Malerei, eine gegenseitige Synästhesie von Farbe, Klang und Bewegung. Ein Ballett, ausgehend von Holzschnitten, einer Farbenlehre, von Notizen über Das Geistige in der Kultur sollte das werden, Parallelen zur Musik von Arnold Schönberg hatte Kandinsky 1911 schon entdeckt. Und in München sollte Der gelbe Klang von Hugo Ball inszeniert werden. 2014 brachte das Bayerische Staatsballett das Kandinsky-Konzept auf die Bühne.
Das Schlossmuseum Murnau zeigt jetzt als Ergänzung Blaues Haus und Gelber Klang und dokumentiert damit die Künstlerfreundschaft zwischen Wassily Kandinsky und Alexander von Jawlensky. Auch sie war 1914 fürs erste abrupt zu Ende: am 3. August verließen beide nach der Kriegserklärung Deutschlands an Russland Murnau in Richtung Schweiz. Aufgefrischt wurde die Freundschaft erst wieder in den Zwanzigerjahren, als sie wieder in Deutschland waren und zusammen mit Lyonel Feininger und Emmy Scheyer zu den „Blauen Vier“ wurden.
Zwei Bilder, zwei Künstler, zwei Entwicklungen werden da in der Murnauer Ausstellung thematisch zusammengeführt: Kandinskys Murnau mit blauem Haus (1908), Jawlenskys Gelber Klang Murnau – Sonnenuntergang von 1909. Die von Sandra Uhrig und Christine Ickerott-Bilgic kuratierte Ausstellung im Schlossmuseum mit Bildern aus Hannover, New York, St. Petersburg, natürlich aus Münchens Lenbachhaus stellt programmatisch ein Zitat von Will Grohmann an den Anfang: „Kandinsky ist noch nicht beim Bild ohne Gegenstand angelangt, aber die Gegenstände verlieren in Murnau ihre Vordringlichkeit.“

Nah an der Abstraktion

Und man braucht nur das kleine Ölbild Murnau – Blick aus dem Griesbräu von 1908 anzuschauen, da weiß man, was gemeint ist. Den Griesbräu gibt es heute noch: Was jetzt mitten in der Stadt ist, war damals Peripherie. Wie Teppiche ausgelegte Felder schließen sich an, ein paar Tupfer Nachbarort, ein bisschen Hügelkette – eine ausgemalte Bleistiftskizze mit großer Bedeutung und nur noch ein paar Schritte von Kubismus und Expressionismus, von völliger Abstraktion entfernt.
An der Wand gegenüber sieht man mit der Winterlandschaft bei Füssen Jawlensky wesentlich zurückhaltender auf dem gleichen Weg.
Nicht sehr oft hat man die Gelegenheit, die beiden Künstler mit ihren Werken so dicht beieinander zu sehen wie bei den Bildern aus der gemeinsamen Murnauer Zeit: Murnau am Abend, Murnau mit gelbem Haus, Murnau mit blauem Haus, Studie zur Landschaft mit grünem Haus – das füllt einen ganzen Raum mit Häusern, Zäunen, Licht, Schatten, Jahreszeiten. Und macht etwa mit Landschaft bei Murnau und Studie für Murnau mit Kirche II Gemeinsamkeiten und Unterschiede verblüffend deutlich: Beide Bilder aus dem gleichen Jahr, beides hingeduckte Dächerlandschaften in einer hügeligen Landschaft. Dazu bei Kandinsky die Tendenz zu kubistisch geraden Linien, bei Jawlensky zu den für ihn typischen glühenden Farben – „Farblandschaften“ heißt deshalb sehr treffend einer der Säle dieser Ausstellung.
Und da sieht man ihn denn endlich: Jawlenskys Der gelbe Klang, nämlich Murnau in der Glut eines Sonnenuntergangs, das Dorf auf ein paar Giebelschrägen reduziert. Da versteht man Kandinskys Satz: „Ich habe von Ihnen gelernt und werde Ihnen dafür immer tief dankbar sein.“ Aber das sagte er erst 1934. Jawlenksky war bei der Starkfarbigkeit seiner frühen Bilder eigentlich geblieben, wenig später, 1937/38 machte ihm eine „rheumatoide Arthritis“ das Malen unmöglich.
Gerade mal sechs Jahre hatte der gemeinsame Weg der Künstler in Murnau gedauert – drei Jahre voneinander getrennt sind Jawlensky 1941 und Kandinsky 1944 gestorben. Viele gemeinsame Unternehmungen von München aus ins Oberland ab 1902 hatten sie einander näher gebracht, die Jahre in Murnau wurden für die beiden Männer zum Wendepunkt zu einer Zeit, die sie „in dieser Intensität nie wieder“ erfuhren. Schöner kann man Kunstgeschichte nicht präsentieren. (Uwe Mitsching)


Bis 2. November. Schloßmuseum, Schloßhof 2 – 5, 82418 Murnau. Di. bis So. 10 – 17 Uhr. www.schlossmuseum-murnau.de

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