Kultur

Papaver orientale, "Orientalischer Mohn", in achtfacher Vergrößerung 29,7 x 24 Zentimeter. (Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen)

21.09.2012

Botanische Close-Ups

Der Kunst-Fotograph Karl Blossfeldt in der Pinakothek der Moderne

Wie ein Bischofsstab sieht er aus, der spiralig eingekringelte Farn vor der Entfaltung. Der zart gestufte Schachtelhalm wiederum erinnert an Minarette oder futuristische Wolkenkratzer-Architektur. Und die lanzettförmigen Hortensienknospen könnten auch kunstvoll geschmiedete Spitzen eines Gittertores sein.
Sie gehören längst zu den vielbewunderten Inkunabeln der Kunst-Photographie, die stark vergrößerten Nahaufnahmen von Pflanzen, die Karl Blossfeldt ab den 1890er Jahren anfertigte. Die Münchner Pinakothek der Moderne konnte jetzt 75 der raren Originalphotos erwerben und präsentiert sie stolz in einer Studioausstellung.
Der Legende nach hat der photographische Autodidakt Blossfeldt (1865 bis 1932), der an der Berliner Kunstgewerbeschule „Modellieren nach lebenden Pflanzen“ lehrte, diese botanischen Close-Ups nur als Studienobjekte für seinen Unterricht aufgenommen, ehe ein Galerist sie 1926 entdeckte, ihren künstlerischen Rang erkannte und die Bilder ausstellte. Aber wie dem auch sei, der höhere Rätsel- und Wiedererkennungs-Spaß, der die Faszination dieser Photos mit ausmacht, ist immer wieder verblüffend, weil hier – absichtslos? – das Kunst-Mittel der Verfremdung angewendet wird – auf die Natur.
Allerdings rührt der Reiz dieser Pflanzen-Ikonen auch daher, dass sie eine ungewöhnliche Brücken- und Zwischenstellung einnehmen. Denn natürlich gründet die spezifische Blossfeldt-Perspektive einerseits im Formvokabular des Jugendstils mit seinem Hang zum vegetabilen Ornament. Ja generell ist der Geist jener Jahre um 1900 bei Blossfeldt lebendig: Neuromantische All-Einheits-Vorstellungen einer Verschmelzung von Natur und Kunst finden ihre späte Manifestation in dem Buch Urformen der Kunst von 1928, das seine Pflanzenphotos einem breiteren Publikum bekannt machte und zum Bestseller wurde. Im scheinbaren Gegensatz zu diesem „ganzheitlichen“ Reform-Idealismus steht die nüchtern-unterkühlte Ästhetik von Blossfeldts Photos, die daher – auch wenn sie schon vor den 1920er-Jahren entstanden – der Neuen Sachlichkeit zugerechnet werden. Die dokumentarische Geste, mit der uns da Blätter, Blüten, Stengel gut ausgeleuchtet vor neutralem Hintergrund präsentiert werden, scheint mit der flutenden Schwärmerei der (vorletzten) Jahrhundertwende ganz und gar nichts zu tun zu haben.
Und doch setzt gerade das Pathos der Präzision, die ausgestellte phänomenologische Attitüde jene untergründige Magie frei, in der uns die stumme Rätselhaftigkeit des Realen mit manchmal fast beklemmender Intensität anspringt.
(Alexander Altmann)

Pinakothek der Moderne, bis zum 21. Oktober.

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