Kultur

Einen Rausch der Gefühle wird es geben, sagt Christian Stückl, aber kein Happy End. Hier das Plakatmotiv zum "Sommernachtstraum".

06.06.2014

Casting in Dorfkneipen

Zwischen den Passionen: Oberammergauer spielen jetzt den "Sommernachtstraum"

Christian Stückl gibt es offen zu: „Wir ersticken im Wüstensand des Nahen Ostens.“ König David, Joseph und seine Brüder, Moses – kein Zweifel, das passte ins Passionstheater Oberammergau und zu der „spannenden Geschichte, die wir alle zehn Jahre dort spielen“. Aber der Passions-Spielleiter aus den bayerischen Bergen, untertags Intendant des Münchner Volkstheaters, abends immer wieder zuhause im Oberland, spürte irgendwann auch bei sich: „Jeder hatte Lust, etwas ganz anderes zu machen“ – und so macht er dieses Jahr für die Sommersaison im Passionstheater Oberammergau – „dort draußen“, wie er immer sagt – den Sommernachtstaum. Premiere ist am 5. Juli. Mit ein bisschen Feuerwerk und dem „Ammergauer Dorffest“ fängt alles schon eine Woche vorher an, endet Mitte August aber dann doch wieder im alttestamentarischen Wüstensand: mit der Wiederaufnahme vom überarbeiteten letztjährigen Moses.

Der Titel muss locken

„Man muss doch nicht immer mit erhobenem Herzen im Passionstheater sitzen“, sagt Stückl, „ich will auch nicht immer und unbedingt einen Link zur Passion herbeizwingen, sondern einfach mal Komödie spielen.“ Freilich sollte es nicht irgend ein eher unbekannter Shakespeare sein, sondern „wir müssen Menschen von weit her nach Oberammergau holen: Da muss schon der Titel Lockmittel sein.“ Noch dazu, weil Stückl in Oberammergau nicht mit so berühmten Schauspielernamen punkten locken kann wie beim Salzburger Jedermann.
Denn das soll auch weiterhin eine der Stärken dieses Festspielortes Oberammergau sein: „Nur Schauspieler, Musiker, Chöre aus dem Dorf!“ Nur sie dürfen spielen, „denn sonst wären wir ein weiterer Festspielort unter vielen“, betont Stückl im Interview mit der Bayerischen Staatszeitung. „Stattdessen ist es ein Ort, wo die Menschen mit Lust Theater spielen, wo Theaterlaune umgeht.“ Etwa wenn Stückl zur Musik von Henry Purcell (The Fairy Queen) open air „Breitwandkino“ spielen lässt. Da kann er in Oberammergau viele Laiendarsteller ins Spiel bringen: als Elfen und Hofgesellschaft.
Nebenbei kann er auch testen, wer 2020 bei der „Passion“ spielen darf und kann. Das lässt sich nicht von Null auf Hundert aus dem Boden stampfen.
Und schließlich gibt es im Sommernachtstraum die Handwerkertruppe, die das Laienspiel Pyramus und Thisbe aufführt: Oberammergauer spielen sich selbst. Manche bringen schon Schauspielerfahrung mit, aber Stückl ist dauernd auf der Suche nach Neuem und nach Neuen: „Ich gehe immer mit Casting-Blick durchs Dorf, besonders in die Kneipe: dort entdecke ich meine Leute.“
Natürlich wird Stückl in Oberammergau auch mit Kritik konfrontiert, seitdem er die Beschränkung aufs Passionsspiel aufgeweitet hat: Wie weit soll das noch gehen, wird gemeckert, auch mit dem Heimatsound-Festival (dieses Jahr am 1./2. August)? Bisher waren alle am Ende doch glücklich, auch Stückl: „Ich muss junge Leute zum Theater bringen, eine neue Darsteller-Generation heranziehen. Dazu müssen die Leute viel und gern Theater spielen.“
Deswegen wird der Sommernachtstraum auch nicht nach alter Väter Sitte gespielt: „Was ich mir an Neuem selber zutraue, das kann ich auch dem Publikum zutrauen: und ich traue ihm alles zu.“
Erst mal geht es Stückl darum: „Wie kriege ich die Geschichte für mich selbst erzählt, da denke ich noch lange nicht ans Publikum. Oder gar als Volkstheater-Intendant ans ,Volk’. Wir sind doch eine Kunstform, die davon lebt, dass es ein Publikum gibt. Und wer dann da unten sitzt, ist eben das ,Volk’“, tüftelt der Volkstheater-Chef an einer Definition. Als Sommer-Dépendance des Münchner Volkstheaters will er das Passionstheater in Oberammergau auf keinen Fall verstehen, auch wenn der Brandner Kaspar dort wieder für zwei Abende gastiert. Vielleicht kriegt man dort eher Karten für die Kultaufführung und nimmt den Bustransfer München/Oberammergau dafür in Kauf?
Aber solche Tricks beim Vorverkauf interessieren Stückl im Moment überhaupt nicht: Ihm geht vor allem um die Strudel, in die die Menschen bei Shakespeare hineingeraten, um die rasenden Liebenden, die in Abgründe rutschenden Gefühle. In seinem Oberammergauer Sommernachtstraum wird es kein richtiges Happy end geben aber „wir werden wieder von unseren Gefühlen und Rauschzuständen übermannt.“ (Uwe Mitsching)

Premiere von Sommernachtstraum am 4. Juli. www.passionstheater.de

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