Kultur

Elegante Gesten Nicola Fritzen als Felix Krull. (Foto: Huber)

24.06.2011

Charmanter Windbeutel

"Felix Krull" nach Thomas Mann am Münchner Volkstheater

Hochstapler fallen nicht vom Himmel, sondern sie wachsen im Treibhaus der Konkurrenz- und Talkshowgesellschaft. In der kommt es schließlich auf die „Performance“ an, auf den Schein, der mehr zählt als das Sein – was tendenziell alle zu Aufschneidern macht. Und rührt die verbreitete klammheimliche Sympathie für professionelle Hochstapler vielleicht daher, dass sie diesen Mechanismus entlarven, indem sie ihn überdrehen?
Solche ernsthafteren Fragen huschen bestenfalls als flüchtige Andeutung vorbei in dieser Aufführung am Münchner Volkstheater, und das ist wohl auch so gewollt. Denn die Bühnenfassung von Thomas Manns Felix Krull, die Bastian Kraft erstellt und inszeniert hat, erweist sich eben durch ihre „Oberflächlichkeit“ als kongeniales Spiel mit dem Hochstapler-Thema.
Zu sehen ist da nämlich eine perfekte Schaumschläger-Show, eine rasante, ungeheuer unterhaltsame Revue der Äußerlichkeiten. Gleich drei brillante Schauspieler, geführt von einem brillanten Regie-Handwerker, spielen mehr oder weniger simultan den Protagonisten, der es vom Juwelendieb und Kellner im Grand Hotel zum falschen Marquis bringt. Nur die Innenfutter der schicken dunklen Sakkos, die alle drei zum offenen weißen Hemd tragen, haben unterschiedliche Farben.
Mit eleganten Gesten und perfektem Habitus zaubern Pascal Fligg, Nicola Fritzen sowie Justin Mühlenhardt den Typus des charmanten Windbeutels und Schönlings auf die Bühne – oder vielmehr in die drei talmi- und kirmeshaft wirkenden Rahmen voller bunter Lämpchen, die hier vor schwarzem Hintergrund als Bühne fungieren.
Während anfangs manche Szenen wie etwa die Musterungs-Episode noch ein wenig illustrativ wirken und hinter der unvergleichlichen Prosa-Komik Thomas Manns spürbar zurückbleiben, nimmt der Abend rasch Fahrt auf, lässt die bloße Nacherzählung hinter sich und fasziniert mit wunderbar witzigen szenischen Aktionen. Etwa wenn die drei Krulls ein zirkusreifes Kellnerballett aufführen oder mit turnerischen Verrenkungen ihre Plätze tauschen, um das Vexierspiel der Identitäten sichtbar zu machen.
Meisterhaft auch, wie die sicher durchstilisierte Aufführung ihren adretten Taschenspieler-Illusionismus immer wieder durch winzige linkische Patzer bricht. Ganz am Schluss treten die Akteure dann aus ihren Rahmen und Rollen heraus, um in einer Art Improvisationstheater-Nummer Holzklötzchen aufeinander zu stapeln, bis der wacklige Turm irgendwann zusammenbricht.
Ist Hochstapelei also doch bloß ein Kinderspiel? Für die Zuschauer ist sie an diesem Abend jedenfalls ein kurzweiliges Theatervergnügen, ein perfekt gemachter Bühnenzauber ohne längere Nachwirkungen. (Alexander Altmann)

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