Kultur

Überragt alle anderen Akteure an komödiantischem Wahnwitz: Fabian Hinrichs. (Foto: Blievernicht)

03.12.2010

Dada-Tanz auf dem Diskurs-Vulkan

René Polleschs "XY Beat" an den Münchner Kammerspielen

Diesmal kriegt Bruno Ganz eins auf die Mütze. Genauso wie Otto Schenk und Peter Stein. Schließlich stehen die drei alten Recken ja genau für jenes traditionelle „Repräsentationstheater“, das René Pollesch ablehnt und konterkariert mit seinen Bühnenillusionsvernichtungsproduktionen. Wobei Polleschs Anti-Theater inzwischen auch schon ein bisschen in die Jahre gekommen ist. Der einstige Nischen-Avantgardist, der Dramen-Verweigerung als eine Art Fortsetzung der Kritischen Theorie mit anderen Mitteln begriff, ist längst zur Speerspitze des Theater-Establishments mutiert. Und wenn auf einer der führenden deutschen Bühnen eine neue antikapitalistische Diskurs-Komödie von ihm ansteht, strömt das Metropolenpublikum, das was auf sich hält, herbei wie zu einem gesellschaftlichen Ereignis für geistige Besserverdiener.
Denn es ist ja nicht unwahrscheinlich, dass im vertrauten Pollesch-Klamauk doch wieder jener radical Chic aufblitzt, den man wie einen Leckerbissen schaudernd genießen kann. In dieser Hinsicht wurden die Premierenbesucher nicht enttäuscht, die in den Münchner Kammerspielen Polleschs jüngstes Werk XY Beat erlebten: Erst heißt es da drohend „Unser totalitäres Herz wird endlich wieder höher schlagen“, und dann offeriert man uns dazu passend „Wege aus der Meinungsfreiheit heraus“. Huch, wie’s einen da gruselt – obwohl die Verachtung von Meinungen bisher ja eher Sache der Konservativen war, von Platon über Peter Handke bis Martin Walser.
Ansonsten lief alles wie gehabt bei Pollesch: Theorielastige Botschaften prallen in rasendem Sprechtempo unvermittelt auf Boulevard-Parodien – für die diesmal offenbar das Ohnsorg-Theater Pate gestanden hat. Die vier Akteure in Blumenmuster-Kimonos führen jedenfalls mit Hamburger Zungenschlag einen Treppenhaus-Ratsch auf, dass es nur so schnalzt, denn, so haben wir im Seminarteil des Abends gelernt: Klatsch und Tratsch sind die einzige Waffe gegen Meinungen.
Aber ehe die Kollegen von der Yellow Press noch Zeit haben, sich darüber zu freuen, werden Maßkrüge gestemmt, schweben Stühle an Schnüren herab, und Fabian Hinrichs, der seine Mitspieler (Silja Bächli, Katja Bürkle, Benny Claessens) an komödiantischem Wahnwitz überragt und diese Pollesch-Produktion zur bisher amüsantesten macht, deklamiert das Berliner Couplet vom Überzieher („kuckste weg von dem Fleck, ist der Überzieher weg“). Für diesen ganzen höheren Blödsinn hat Bühnenbildner Bert Neumann den guten alten Werkraum der Kammerspiele einer fundamentalen Runderneuerung unterzogen, die genau auf Pollesch-Stücke zugeschnitten scheint, weil sie die bekannte Einsicht parodiert, dass das Design das Bewusstsein bestimmt: Während Boden und rundum laufende Sitzbänke in eine lila Auslegeware gepackt sind, funkeln an den Wänden silbrige Metallplatten, und auf dem Podest in der Mitte dieser Disco-Arena ragt unter der Lichtorgel eine Tanzstange auf.
Der Dada-Tanz auf dem Diskurs-Vulkan endet mit heftigem Premierenbeifall für diesen lustigen Querulantenstadel. Polleschs Illusionstheater-Zertrümmerung ist eben selbst auch bloß Theater. Also eine Illusion. (Alexander Altmann)

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