Kultur

218 Tage lang war der Schwurgerichtssaal 600 im 1916 eröffneten Nürnberger Justizpalast Schauplatz für den Kriegsverbrecherprozess gegen 24 NS-Hauptkriegsverbrecher. (Foto: Memorium Nürnberger Prozesse)

19.11.2010

Das abstrakte Recht wird seh- und begehbar

Vergegenwärtigung des Vergangenen: Am historischen Ort wird das "Memorium Nürnberger Prozesse" eröffnet

Am 20. November 1945 trat in Nürnberg der Internationale Gerichtshof der vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs zusammen, um über die Kriegsverbrecher des NS-Regimes zu Gericht zu sitzen. 65 Jahre später, auf den Tag genau, wird an diesem Wochenende des 20. und 21. November im Nürnberger Justizgebäude das „Memorium Nürnberger Prozesse“ eröffnet.

 

Als am 11. April 1949, im Nürnberger Justizgebäude mit dem letzten Urteil im so genannten Wilhelmstraßenprozess die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse des Internationalen Militärtribunals der vier Alliierten des Zweiten Weltkriegs zu Ende gingen, hatte die Menschheit ein neues Kapitel in ihrer Geschichte aufgeschlagen: Zum ersten Mal in der Weltgeschichte saß ein internationaler Gerichtshof über Kriegsverbrecher zu Gericht. Die damals erstellten „Nürnberger Prinzipien“, die 1950 von der Völkerrechtskommission der Vereinten Nationen übernommen wurden, legten den Grundstein für das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, der im Jahr 2002 seine Arbeit aufnahm.
Die Nürnberger Prozesse waren ein Fanal, weil erstmals ein internationales Strafgericht eklatante Verletzungen der Menschenrechte eines Staates einklagte und sich dabei auf die Charta der Vereinten Nationen berufen konnte, die mit ihrer Verabschiedung am 26. Juni 1945 die Sicherung des Weltfriedens durch ein internationales Völkerrecht garantierte.
Dieser Bedeutung der Nürnberger Prozesse wird die Stadt Nürnberg jetzt mit der Einrichtung des „Memoriums Nürnberger Prozesse“ gerecht. Getragen von der Bundesrepublik Deutschland, dem Freistaat Bayern und der Stadt Nürnberg wird im Dachgeschoss über dem historischen Schwurgerichtssaal 600, in dem von 1945 bis 1949 das Nürnberger Tribunal stattfand, die dokumentarische Ausstellung künftig über die Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse informieren. In vier Räumen und auf knapp 800 Quadratmetern können dann die Besucher aus aller Welt (bisher besichtigen alljährlich an die 20 000 Menschen den historischen Ort) in Dokumenten, Fotografien, Filmen und an mehreren Medienstationen die Vorgeschichte und den Verlauf des „Tribunals von Nürnberg“ nachvollziehen. Die Kosten für das Memorial von 4,6 Millionen Euro teilen sich der Bund und das Land Bayern, während die Stadt Nürnberg den laufenden Unterhalt des Memorials (etwa 700 000 Euro jährlich) übernimmt.

Im Scheinwerferlicht

In dem legendären Saal 600 erinnert heute kaum etwas an das Geschehen von damals. Er wurde 1961 renoviert und umgebaut und wird bis heute und auch weiterhin für größere Strafprozesse genutzt. Die Besucher des Memorials können jedoch von der damaligen Pressetribüne aus, wo Dutzende von Kamerateams vor allem den Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher in alle Welt übertrugen, einen Blick auf den Ort werfen, wo im Hauptverfahren über die 24 Nazi-Größen gerichtet wurde, die sich für den größten Massenmord in der Menschheitsgeschichte verantworten mussten.
Die Urteile wurden am 31. August 1946 verkündet: Es ergingen drei Freisprüche, sieben Freiheitsstrafen und 12 Todesurteile, die in den Morgenstunden des 16. Oktober 1946 in der Sporthalle des Justizpalastes durch Erhängen vollstreckt wurden. Der letzte Gefangene, Rudolf Heß, der in Spandau seine Strafe verbüßte, brachte sich 1987, 93 Jahre alt, um.
Obwohl es schon lange vor Kriegsende, bereits im November 1943, für die Alliierten beschlossene Sache war, die deutschen Kriegsverbrecher vor Gericht zu stellen, fiel die Entscheidung, dafür nach Nürnberg und nicht nach Berlin zu gehen, gleichsam in letzter Minute. Zum einen stand Nürnberg als die „Stadt der Reichsparteitage“, wo alljährlich Hitler Heerschau hielt, und als Stadt der „Nürnberger Rassegesetze“, mit denen die Verfolgung und Ermordung der Juden in Europa gleichsam legalisiert wurde, als Symbol für das Nazi-Reich.
Zum andern sprachen auch ganz praktische Überlegungen dafür, lag Nürnberg doch nicht in der sowjetischen, sondern in der amerikanischen Besatzungszone, worauf auch Großbritannien und Frankreich als Sitz des Militär-Tribunals Wert legten; außerdem verfügte das für alle Ankläger und die internationalen Prozessbeobachter zentral gelegene Nürnberg über ein intakt gebliebenes Justizgebäude mit angeschlossenem Gefängnistrakt, aus dem die Angeklagten direkt in den Gerichtssaal gebracht werden konnten. Womit auch die Sicherheitsvorkehrungen leichter zu treffen waren, obwohl Erich Kästner als Prozessbeobachter notierte: „Im Erdgeschoß ist scharfe Kontrolle; im ersten Stock ist scharfe Kontrolle; im zweiten Stock ist zweimal scharfe Kontrolle.“
Mit dem „Memorium Nürnberger Prozesse“ tut Nürnberg, dem wie kaum einer anderen deutschen Stadt immer noch das Odium seiner NS-Vergangenheit anhaftet, einen weiteren Schritt nicht der exkulpierenden Vergangenheitsbewältigung, sondern der „Vergegenwärtigung des Vergangenen“, die nötiger denn je ist. Zumal Nürnberg mit dem Reichsparteitagsgelände, der Führer-Tribüne, dem Aufmarschgelände der „Großen Straße“ und der Torso gebliebenen, monströsen Kongresshalle das größte Ensemble an NS-Bauten besitzt.
Mit dem „Memorium Nürnberger Prozesse“ wird – wie Justizministerin Beate Merk (CSU) es formulierte – das „abstrakte Recht seh- und begehbar“. (Friedrich J. Bröder)

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