Kultur

Marc Chagall, „Notre Dame und Eiffelturm“, Lithographie, 1960. (Foto: Villa Dessauer)

30.03.2012

Das Gemeinsame der Einzigartigen

Die Stadtgalerie Villa Dessauer in Bamberg zeigt wenig bekannte Werke von Picasso, Beuys, Chagall, Miro und Christo

Mit dem 20. Jahrhundert zerbrach endgültig der gesamteuropäische Konsens in der Kunst. Das über Generationen verbindende Element, die Huldigung von Gott und Schöpfung, Nation und Vaterland, gehörten der Vergangenheit an. Unzählige Stilrichtungen und ästhetische Überzeugungen entwickelten sich innerhalb kurzer Zeit. Parallel nebeneinander existierend, reklamierten sie die universelle Wahrheit für das eigene Schaffen. Nicht ohne sich gegenzeitig oft heftig zu befehden und das jeweils andere Konzept fundamental infrage zu stellen. Doch selbst hier lassen sich noch Parallelen und Reflektionen erkennen.
Diese zu entdecken hat einen eigenen, ganz besonderen Reiz. Der zunächst primär um Aufmerksamkeit buhlende Ausstellungstitel der Stadtgalerie Bamberg – Villa Dessauer macht also Sinn: 12 Kunsträume – von Picasso zu Beuys. Doch sind das nur die extremsten Exponenten. Mit von der Partie sind unter anderem Joan Miro, Salvador Dali, Victor Vaserely, Marc Chagall, Friedensreich Hundertwasser sowie Christo & Jeanne-Claude. Präsentiert werden vor allem druckgraphische Werke, Kunststücke, die bisher selten gezeigt wurden, häufig aus der sehr frühen oder sehr späten Phase des Schaffens.


Spezielle Innenarchitektur


Die spezielle Innenarchitektur der Ausstellungsräume kommt dem Vorhaben entgegen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Künstler herauszuarbeiten. Denn den Besucher empfängt kein einzelner riesiger Saal, der das visuelle Aufnahmevermögen auf eine harte Probe stellt. Die einzelnen kleinen Räume erlauben die Fokussierung auf das Schaffen des Einzelnen. Doch verbunden mit den kargen, den Gedanken neue Freiräume schaffenden Übergängen, bekommen die Betrachter die Chance des nahtlos anschließenden Vergleichs mit dem vorher gesehenen.
Das Untergeschoss ist den drei großen Spaniern gewidmet: Picasso, Miro und Dali. Ihre Arbeitsweisen und Methoden könnten unterschiedlicher nicht sein: Die Dominanz des lebensfrohen, sinnlichen und sexuellen bei Picasso, daneben das kindlich verspielte von Miro, vor den beängstigenden Traumwelten von Dali. Und doch, trotz aller Unterschiede, spürt man eindeutig das verbindende Element, die stark traditionelle, fast archaische Kultur ihres Herkunftslandes und die Liebe zum Surrealen.
Eine Überraschung bietet das Obergeschoss mit dem Schwerpunkt auf die Künstlergruppen „Brücke“ und „Blauer Reiter“. Diese Namen lösen eigentlich Assoziation von farbenfrohen Gemälden aus, grell und bunt und aggressiv. Aber die Kuratoren entschieden sich für Objekte in Schwarz und Weiß. Dies öffnet gerade in Relation zum Vorherigen einen ganz neuen Blick auf die bedeutendsten Vertreter des deutschen Expressionismus.
Ergänzt wird die Schau zum Beispiel durch die vielfältigen Gebrauchsgrafiken von Hundertwasser, eine Auswahl der unzähligen Entwürfe, Modelle und Vorstudien zu den berühmten Verpackungsprojekten von Christo & Jeanne-Claude. Das ist vor allem unter entstehungsgeschichtlichem Aspekt sehr informativ. Des weiteren folgen Motive vom Menschen Joseph Beuys im Alltag. Die wohl wichtigste Verbindungslinie ist es hier, das Trennende von Kunst und tatsächlicher Welt aufzuheben, den Betrachter zu verunsichern, zum Sinnieren und Nachdenken anzuregen – zu fragen, wodurch sich ein Kunstwerk als solches definiert.


Spielerisches für Kinder


Möglich gemacht hat diese in der bayerischen Ausstellungsgeschichte bisher einmalige Schau der private Mäzen und Sammler Richard H. Mayer (78) aus Bamberg. Der zurückgezogen lebende, sehr bescheidene älterer Herr hat in mehr als 50 Jahren eine beeindruckende Zahl an Werken von der klassischen Moderne bis zur zeitgenössischen Kunst zusammengetragen. Und das durchaus mit sehr viel Ehrgeiz und Hartnäckigkeit: Er zeltete einst als junger Mann tagelang vor dem Haus von Salvador Dali, bis sich das exzentrische Genie schließlich ein Einsehen hatte und ihm den Zugang zu seinen Aquarellen, Zeichnungen und Druckgrafiken gestattete.
Die Ausstellungsmacher versuchen zudem, die nächste Generation spielerisch ans Schaffen dieser wichtigsten Stilrichtungen der jüngeren Vergangenheit heranführen: In dem Terminen für die nächsten Wochen haben zum Beispiel Veranstaltungen unter dem Titel „Geschnürt und Gespannt“ für Kinder ab fünf Jahren ihren Platz. Hier bekommen die Buben und Mädchen das Konzept des Verhüllungskünstlers Christo learning bei doing erklärt.
(André Paul)

Stadtgalerie Villa Dessauer, Hainstraße 4a, Bamberg. Bis 17. Juni, Di.-Mi. und Fr.-So. von 11 bis 19 Uhr, Do. von 13 bis 21 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

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Kommentare (1)

  1. Förderverein Landesgartenschau Bamberg e.V. am 01.04.2012
    Der private "Mäzen" und Ausstellungsmacher Mayer bekommt für die Ausstellung eine Summe von ca. 32.000 €, die allein der Initiator und Durchführer der Ausstellung, der Förderveriens Landesgartenschau Bamberg e.V., zu zahlen sind. Ohne die Iniative des Förderverein wäre die Ausstellung nicht zustande gekommen. Auch die Museen der Stadt erhalten eine große Summe, die vom Förderverein aufzubringen ist. Diese Ausstellung ist ein Projekt ehrenamtlichen Bürgerengagements, das allerdings in ihrem Artikel nicht gewürdigt wurde.

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