Kultur

Exotisches Ambiente in opulent ausgestatteten Serails ebenso wie das bunte Treiben in den Städten und auf den Basaren beflügelten die Künstler zu stimmungsvoller Salonmalerei. Hier Der Pantoffelverkäufer (1872) von José Villegas y Cordero. (Foto: The Walters Arts Museum)

25.02.2011

Das Märchen vom malerischen Morgenland

Die Hypo-Kunsthalle zeigt "Orientalismus in Europa"

Wenn das kein Joint ist, was die träge Nackte da geziert zwischen den Fingern hält! Die weiße Sklavin heißt das 1888 entstandene Gemälde von Jean Lecomte du Nouÿ, das eine mollige Schöne in orientalischer Palastumgebung beim Rauchen zeigt. Das exotische Edel-Pinup der Gründerzeit verkörpert mustergültig den Geist des Orientalismus in Europa, dem die Münchner Hypo-Kunsthalle eine üppige Ausstellung widmet.
Den Anstoß zur europäischen Orient-Schwärmerei im 19. Jahrhundert gab Napoleons – letztlich gescheiterter – Ägypten-Feldzug (1798 bis 1801), bei dem im Windschatten der Armee 167 Künstler und Wissenschaftler mitreisten. Die darauf folgende Verklärung des Morgenlandes zur exotischen Märchenwelt aus Tausendundeiner Nacht, die kitzligen Träume von Harem und Haschischrausch erscheinen allerdings als typische Projektionen puritanischer europäischer Phantasie.

Nackt auf Ottomanen

An bunten Klischees herrscht jedenfalls kein Mangel auf den Gemälden jener Zeit, die in der Ausstellung vor tiefblauen, violetten oder wüstengelben Wänden präsentiert sind. Da sieht man buntgewandete Turbanträger, faul hingelagerte Orientalen in Pluderhosen, stimmungsvolle Wüstenlandschaften voll erhabener Einsamkeit, prächtige Moscheen, Kamelkarawanen – und natürlich nackige Odalisken, die sich im opulenten Serail-Ambiente lasziv auf teppichbedeckten Ottomanen räkeln.
Für einen Perspektivwechsel sorgt dann das Bild Persischer Teppichhändler auf der Straße (1888) von Osman Hamdi Bey, das die Begegnung der Kulturen zeigt: Links sieht man einen blonden Schnurrbartträger, der mit Anzug, Tropenhelm und Reitpeitsche sofort als „Herrenmensch“ identifizierbar ist. Daneben steht seine Gattin mit Sonnenschirm, und das herzige Töchterchen macht sich an den Teppichen zu schaffen. Dieser entschlossenen europäischen Familie, quasi den großbürgerlichen Vorgängern heutiger Pauschaltouristen, stehen rechts die listig lächelnden orientalischen Händler gegenüber, die wahrscheinlich was von „Totalräumungsverkauf“ erzählen und gleich auch noch eine altmodische Steinschlossflinte im Angebot haben.
Gerade weil dieses Werk eines westlich ausgebildeten Malers aus türkischer Diplomatenfamilie auch die Europäer sanft karikiert, wirkt es wie ein humoristischer Vorgriff auf die heutige ideologiekritische Lesart des Orientalismus.
Auch wenn die meisten Exponate in die Rubrik parfümierte Salonmalerei gehören, fällt doch auf, dass sich viele Maler durch die orientalischen Sujets zu einer gewissen Exzentrik verleiten ließen: Manche frönen einem Hang zur Phantastik, die gelegentlich surreale Züge annimmt. Andere hingegen wurden durch den Orient zu einem erstaunlichen Realismus des Lichts und der Farben angeregt – eine Haltung, die bei jenen Künstlern der Moderne radikalisiert ist, die ebenfalls den Orient bereisten: August Macke, Paul Klee, Wassily Kandinsky geben mit ihren Werken der Schau ästhetischen Glanz.
Inhaltlich erzählen aber auch sie mit ihren bunten türkischen Cafés und arabischen Friedhöfen das alte Märchen vom malerischen Morgenland weiter, das heute nur noch in Reiseprospekten fortlebt. In unserer öffentlichen Wahrnehmung dominieren hingegen eher Fundamentalismus und Gewalt das Bild des Orients. Dass beide Klischees untergründig enger zusammenhängen könnten, als man auf den ersten Blick sieht, wird in dieser Ausstellung nur indirekt deutlich. Zumindest für den aufmerksamen Besucher, der sich von Wasserpfeifenrauch und Haremsdamen auf den Bildern nicht zu sehr einlullen lässt. (Alexander Altmann)

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