Kultur

Einen ersten Eindruck von den technischen Möglichkeiten, die die neue Bühnentechnik im Schauspielhaus bietet, bekam das Publikum in der Inszenierung von Lessings "Nathan der Weise". Hier eine Szene mit dem Tempelherrn (Willi Wang). (Foto: Bührle)

05.11.2010

Das Märchen von der Versöhnung

Nürnbergs wiedereröffnetes Schauspielhaus startet die Saison mit zwei beachtenswerten Premieren

Mit zwei höchst disparaten Inszenierungen schloss das Staatstheater Nürnberg den Eröffnungsreigen um sein rundum erneuertes Schauspielhaus ab – und demonstrierte, dass Theater auch mit einem Klassiker auf der Höhe der Zeit sein kann und dass es gleichzeitig mit einem Gegenwartsstück etwas zu sagen hat. Die Kammerspiele wurden mit der deutschen Erstaufführung des Stücks Waisen des britischen Autors Dennis Kelly eröffnet, während im Großen Haus eine sehr gewagte Deutung von Lessings Aufklärungsdrama Nathan der Weise irritierte.
Um Gewalt, um Fremdenhass und rassistisch-religiöse Vorurteile geht es in beiden Stücken, auch wenn über 200 Jahre zwischen ihrer Entstehung liegen. Aber die Gewalt fällt nicht vom Himmel, sondern ist hausgemacht, was in den Waisen exemplifiziert wird, wo in das scheinbar intakte Sozialmilieu der Kleinfamilie Mord und Totschlag Einzug halten und das Irrationale in die vermeintliche Idylle einbricht. Caro Thums Inszenierung hält dem Publikum den Spiegel vor: In jedem Menschen schlummert ein Gewaltpotenzial – so wie in dem braven Familienvater Danny (Stefan Lorch), der seine Familie (seine Frau, gespielt von Julia Bartolome, und deren labilen Bruder Liam, gespielt von Philipp Niedersen) nur vor dem Araber, dem Fremden, schützen will, und darüber zum folternden Gewalttäter wird.
Im Mainstream modischen Regietheaters dekonstruiert Georg Schmiedleitner Lessings Nathan, den er wechselweise von einem Schauspieler (Frank Damerius), dann wieder im Chor vom ganzen Ensemble spielen lässt und damit gleichsam signalisiert: Juden, Christen und Muslime werden austauschbar und sind alle gleich – was jedoch zur gegenseitigen Toleranz offenbar nicht ausreicht.
Mit einem Overkill der raffinierten Bühnentechnik des neuen Schauspielhauses aktualisiert die Inszenierung ziemlich grobschlächtig, aber recht effektvoll Lessings Aufklärungs- und Versöhnungsdrama, das vor der Folie großflächig projizierter Rauchwolken detonierender Bomben und zum bombastischen Sound des Kriegsdonners über die Bühne geht.
Aber diese Inszenierung fördert trotz einiger sehr eindringlicher Einzelszenen, in denen – selten genug – der Regisseur auf die sehr genaue Sprache des Klassikers Lessing setzt, nichts Neues zutage. Eine verhuschte Recha (Grit Paulussen) kann neben dem auf Klaus Kinski getrimmten, grimassierenden und dauerbrüllenden Tempelherrn (Stefan Willi Wang) ebenso wenig bestehen wie die sehr genau Lessings Sprache akzentuierende Daja (Adeline Schebesch) oder der zurückgenommene Saladin (Thomas Nunner) und seine Schwester Sittah (Tanja Kübler).
Im westernreifen Showdown, in dem Juden, Christen und Muslime auf der Strecke bleiben, endet das ebenso martialische wie bitterböse Bühnengeschehen. Nicht ganz, denn zur eingeblendeten Stummfilmsentenz „Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen fällt der Vorhang“ erheben sich die Toten wie Phoenix aus der Asche und landen ganz in Weiß im Himmel. Womit Lessings versöhnlicher Schluss sich fast kitschig in Wohlgefallen auflöst und die Ring-Parabel von der gegenseitigen Achtung der Religionen in dieser Inszenierung als bloßes Märchen entlarvt – und persifliert wird. (Friedrich J. Bröder)

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