Kultur

Soll er bleiben oder gehen? Auf einem Blatt notierte sich August Everding stichpunktartig das Pro und Contra zu München und New York. (Foto: Karin Dütsch)

26.06.2015

Das Theater war ihm nicht genug

Aus der Denkwerkstatt eines Impresarios: Das Stadtarchiv München zeigt persönliche Schätze von August Everding

Viele waren dahinterher: Der persönliche Nachlass von August Everding verspricht interessante Enthüllungen. Das Stadtarchiv München hat für diesen Schatz den Zuschlag bekommen. Nach einem Jahr intensiver Erschließung der Dokumente gibt es nun eine Studioausstellung dazu.

„Sie haben mich gerade sprachlos gemacht!“ Ein solcher Satz von August Everding – unvorstellbar! Er, der wortgewaltige Theatergenius – das muss ihm im Nachhinein wohl selbst bemerkenswert vorgekommen sein: Jedenfalls hat er das Protokoll der Sitzung im Deutschen Bundestag vom 13. Mai 1971 zeitlebens aufgehoben.
Worum ging es? Als Präsident des Deutschen Bühnenvereins war er zu einer Anhörung nach Bonn eingeladen: Thema war die Mitbestimmung in Theatern. August Everding wollte das Thema gerne grundsätzlich und praktisch behandelt sehen. Kernfrage: Wenn das Ensemble mitbestimmt – wer trägt dann letztlich die Verantwortung? Der Intendant, so wie bisher, bestimmt nicht mehr. Aber die Diskussion um dieses „basisdemokratische“ Element verlief nicht mehr nüchtern, Logik hatte keine Chance – also schwieg der Impresario.

Krach unterm Theatergebälk

Man kann die Protokolle solcher Sitzungen im Bundestagsarchiv recherchieren. Aber dass eine Kopie davon in Everdings Nachlass zu finden ist, gibt dem Ganzen doch eine besondere Note. Sie passt nämlich trefflich zu einem der drei großen Probleme, die den Theatermann Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre gewaltig umtrieben, ja, die ihm das Leben schwer machten – „eigentlich wollte er nämlich nur gutes Theater machen“, sagt Thomas Schubert, der den Nachlass im Münchner Stadtarchiv bearbeitet hat, „aus seinen Unterlagen kann man gut den Nervenkrieg herauslesen“.
Bei den anderen beiden Problemen ging es ebenfalls um Mitbestimmung: Schauspieler seines Ensembles – Everding war seit 1963 Intendant der Münchner Kammerspiele – wollten ihre politische Überzeugungen auf die Bühne und in den Theaterbetrieb bringen. Der Skandal 1968: Peter Stein ko-inszenierte den Vietnam-Diskurs von Peter Weiss. Nach der Aufführung erbaten die Schauspieler Spenden für den Vietcong – für manchem im Publikum eine zu aufdringliche Aktion. Und Hausherr Everding wusste nichts davon. Stein ging.
1971 krachte es gewaltig wegen Wolf Biermanns Stück Dra-Dra – diesmal des Programmheftes wegen: In dem Stück werden böse Drachen getötet. Im Programmheft sollten Fotos lauter Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kirche dazugestellt werden – eine plakative Verbindung zu den bösen Drachen. OB Hans Jochen Vogel, einer der „Drachen“, hatte Wind davon bekommen (vielleicht über Verwaltungsdirektor Rudolf Lehrl, überlegt Archivleiter Michael Stephan. Lehrls Nachlass wurde auch erst in jüngerer Zeit demStadtarchiv übergeben) und fühlte sich mit dem Tod bedroht. Everding musste den Abdruck der Bilder verbieten. Dramaturg Heinar Kipphardt ging. Das Programmheft erschien mit einigen leeren Seiten, ein Andruck der provozierenden Bilderseiten überstand die Jahrzehnte im Everdingschen Nachlass, zusammen mit seinen Briefen dazu.
„Theater sind Irrenhäuser und die Opern die geschlossenen Anstalten“ – wann mag das August Everding zum ersten Mal gedacht haben? Gesagt hat er es erst 1996 in seiner Rede zum 150. Jubiläum des Deutschen Bühnenvereins. Ein Zitat, zu dem man sich freilich Everdings unvergleichlichen, durchdringenden Schelmenblick vorstellen sollte. Ein bisschen Narr, ein wenig wahnsinnig: Ja, er war dem Theater verfallen. Aber was in seinem nun intensiv erschlossenen persönlichen Nachlass so wunderbar augenfällig wird: Bei aller Leidenschaft behielt August Everding einen kühlen Kopf für die Analyse. Und: Geradezu konsequent zeichnet sich deshalb auch seine Profession des Kulturmanagers ab – dem das Theater nicht genug war.

Eine Blitzkarriere

Rundfunk, Universität, Filmhochschule, Olympische Spiele in München, Deutscher Bühnenverein – die Initiierung der Bayerischen Staatsballetts und der Bayerischen Theatertage, Gründung der Bayerischen Theaterakademie, die Wiederbelebung des Prinzregententheaters, über der Expo 2000 ist er 70-jährig gestorben: Everding lehrte, konzeptionierte, organisierte, kämpfte. „Cleverding“ und „Everything“, verballhornte mancher in der Szene seinen Namen.
Heute würde man sagen, er legte sich dafür eine Datenbank an – 60 Regalmeter sind das nun im Stadtarchiv München. Dabei ist das nicht alles: Auch das Bayerische Hauptstaatsarchiv hat Dokumente, vor allem aus seiner Zeit in Staatsdiensten. Dann gibt es noch viele Unterlagen, die allerdings so persönlich sind, dass sie nach wie vor in Familienbesitz sind.
August Everding formte seine Gedanken schriftlich: Seit seiner Schulzeit machte er sich Notizen, schon „mit Anspruch und recht reflektiert“, wie Thomas Schubert sagt. Manche Aufzeichnungen sind offizielle Exposés: Wie etwa die mehrseitige Übersicht zu seiner Doktorarbeit. Sie hatte den Titel Die Personifikation des Todes im Drama des 20. Jahrhunderts. Sein Professor Hanns Braun setzte sich intensiv damit auseinander, wie die umfangreichen Anmerkungen in Rot nahelegen.
Indes: Für Everding war das Thema bald gestorben – er hängte seine Promotion an den Nagel. „Schuld“ war ein Volontariat bei den Münchner Kammerspielen – das eindringliche Empfehlungsschreiben dorthin, das ihm sein Professor ausstellte, ist erhalten: „Pflichtbewusst“, „genau“, „lebhaft“, „dessen Urteilskraft auch schwierigen Problemen standhält“, liest man da.
Nun, eines dieser ersten schwierigen Probleme an den Kammerspielen kam in Person Fritz Kortners auf ihn zu. Dieser regierte damals das Haus – und er hielt es mit keinem Regieassistenten aus. Nur mit Everding konnte er. Und der blieb. Er arbeitete sich vom Volontär, der Presseartikel sortierte (1953), hinauf zum Regisseur (1955, Peterchens Mondfahrt mit Mario Adorf), zum Oberspielleiter (1959), Schauspieldirektor (1960) und Intendanten (1963). Da war er 35 Jahre alt – eine Blitzkarriere.

Raum für Deutungen

Insgesamt 20 Jahre blieb er an den Kammerspielen. Seine ausführlichen Aufzeichnungen gerade aus dieser Zeit sind eine Fundgrube für die Theatergeschichte, für die Zeitgeschichte – vor allem für viel Hintergrundatmosphäre.
Die Stadt hat erkannt, welchen Schatz ihr da die Witwe Gustava Everding im Oktober 2013 anvertraute – und ließ sich bei einer entsprechenden Würdigung nicht lumpen: Für die Erschließung des Konvoluts wurde dem Stadtarchiv für ein Jahr eine halbe Stelle zugestanden.
Thomas Schubert, der durch Recherchen zu einer Schauspielerbiografie auf den Nachlass stieß und den Kontakt zwischen Gustava Everding und dem Stadtarchiv in die Wege brachte, konnte intensiver als es im Archivalltag möglich ist, das komplexe Material bearbeiten. „Manchmal war es nicht einfach, Everdings Aufzeichnungen zuzuordnen. Da sah manches aus wie die Skizze einer Reiseimpression, aber dann stellte ich fest, dass es die Überlegungen zu einer Inszenierung oder zu einem Bühnenbild waren. Jetzt ist alles verzeichnet und über einen entsprechenden Index recherchierbar.“
An der städtischen Bühne durchlief August Everding seine Lehr- und Meisterjahre – vielleicht gerade der Selbstreflektion wegen ist genau aus dieser Zeit sein Nachlass im Stadtarchiv besonders umfangreich. Aus den Jahren seiner Wanderschaft ist der Nachlass verstreut – und weniger persönlich als mehr „amtlich“ gehalten. Musste der Routinier nicht mehr so viel aufzeichnen? Oder war er sich bewusst, dass in staatlichen Diensten seine Notizen, das Theater betreffend, nicht mehr persönlich bleiben, sondern amtliche Aktenvermerke werden würden? Im persönlichen Nachlass, der nun im Stadtarchiv ist, wird das Material aus dieser Zeit jedenfalls spröder und spärlicher – „es liest sich irgendwie anders“, sagt Thomas Schubert, „da bleibt Raum für Recherchen und Deutungen“.
Als Everding 1973 die Kammerspiele verließ, ging er als Intendant an die Hamburgische Staatsoper – seit seiner ersten Opernregie 1965 (La Traviata) hatte ihn speziell das Musiktheater gepackt. 1977 kehrte er nach München zurück – als Intendant der Bayerischen Staatsoper. Fünf Jahre später trug er den Titel Generalintendant der Bayerischen Staatstheater. Schon 1978 zeigte ihn eine Karikatur der Münchner Abendzeitung als General – Everding hat die Seite aufgehoben. 1993 wurde er Gründungs-Präsident der Bayerischen Theaterakademie, sein Titel lautete fortan Staatsintendant.

Die Met lockte

Ja, August Everding hatte auch Abwanderungsgedanken. 1984 lockte die Metropolitan Opera in New York – ein Traumjob, für den mancher alles stehen und liegen lassen würde. Nicht so Everding. auch hier offenbart ihn der Nachlass als strikt Abwägenden. Herrlich zum Beispiel ein DinA4-Blatt im Querformat: unterteilt in vier Spalten, links zwei Spalten „Pro“ und „Contra“ für München, rechts für New York. Es sind nur Stichpunkte, die da untereinander gekrakelt sind – aber es ist ein vielsagendes Gerüst aus Everdings Denkwerkstatt.
Was hielt ihn an München? Die Uni, der Rundfunk, der Deutsche Bühnenverein und die Kulturpolitik stehen da noch vor Familiärem. Strauß, die CSU und sein Kontrahent am Opernpult, Wolfgang Sawallisch, führen das Contra an. Was reizte ihn an New York? Neue Auseinandersetzungen, das Internationale, „das ganze Land = Tournee“, ja, auch das Geld und der Gedanke, das Engagement dort als krönenden Abschluss seiner Karriere zu feiern. Dass Everdings Unbehagen wegen der englischen Sprache die Contra-Auflistung anführt, ist heute kaum vorstellbar: Kauderwelschen in Spitzenpositionen, notfalls dolmetschende Assistenten sind inzwischen üblich. Und Everding war ja kein „Provinzler“ – er war es gewohnt, weltweit zu inszenieren. Seine Terminkalender verraten, dass wenig Zeit für die Familie blieb.

Europäer durch und durch

Und doch: „mein Europäertum“ notiert er unter „Contra“. Über diesen „Schatten“ wollte er nicht springen. So ganz schien ihm auch nicht gepasst zu haben, dass er nur zwei Regien führen sollte und auch nur für Opern zuständig war. Dann war da auch noch der Vertrag mit dem dortigen GMD James Levine: „Für Erfolge ist Levine / Mißerfolge ich verantwortlich“, hat er in Klammern notiert.
Auch dieses Blatt wird das Stadtarchiv München in seiner Sonderausstellung mit dem Everding-Nachlass präsentieren, die am 18. Juli zum Tag der offenen Tür des Archivs eröffnet wird. Über 100 Exponate sollen exemplarisch zeigen, welcher Schatz da auf 60 Regalmetern zu finden sind. Und sie sollen auch ein bisschen heiß machen, denn Archivleiter Michael Stephan hat schon den nächsten Gedenkanlass im Blick: „Wir sind bestens vorbereitet auf das Jahr 2018, wenn Everdings 90. Geburtstag ansteht.“ (Karin Dütsch)

Abbildung:
August Everding (1928 bis 1999) war Theaterprofi und pfiffiger Kulturmanager.     (Foto: dpa)

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Kommentare (1)

  1. rana rana am 29.06.2015
    Da möchte man doch dem Autor(und den vielen, fleißig zuarbeitenden "Bienen") ganz herzlich danken. Hier wird ein wichtiges Stück Münchner Kulturgeschichte aufgearbeitet. Das muss auch für die Geberin des Nachlasses eine Freude sein, zu sehen mit welchem Aufwand , Elan und Enthusiasmus man diesen Nachlass dargestellt hat. Wir freuen uns auf die Ausstellung bei der man einmal sieht wie das Geld des bayrischen Steuerzahlers verwendet wird. Solche Projekte wünscht man sich öfters zu sehen.
    Am Artikel finde ich es besonders gut zu sehen, dass Zitate das Geschriebene beleben. Jetzt weiss ich schon einiges und fühle mich gut vor informiert.
    Wir danken
    mit freundlichen Grüssen
    rana rana

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