Kultur

17.08.2012

Das unangepasste Genie

Cornelia Rainers "Jakob Michael Reinhold Lenz" bei den Salzburger Festspielen

Für die jungen Regisseure geht es um ein Preisgeld von 10 000 Euro, für die Zuschauer um einen der kreativsten Theaterwettbewerbe mit je einer Produktion pro Salzburger Festspielwoche. Manche Truppen bringen ihre Produktionen mit, bei der Osttirolerin Cornelia Rainer haben die Festspiele eine Uraufführung bestellt und interessant mit dem Festspielprogramm verzahnt: Jakob Michael Reinhold Lenz heißt die Textcollage (zum Großteil aus Georg Büchners Erzählung) parallel zur Oper Die Soldaten von Bernd Alois Zimmermann nach Lenz.
„Gebirge“ ist das Stichwort, das einem bei Büchner vor Augen steht – nicht die Alpen, sondern die einst unwegsamen Vogesen: wie auch der 30-jährigen Rainer und der einprägsamen Bühnenarchitektur, die Aurel Lenfert im Salzburger „republic“ gebaut hat: eine Gebirgs-Achterbahn. Die klopft ein junger Mann in einer langen Klangouvertüre ab: nicht als TÜV-Arbeiter, sondern als Auftakt einer ununterbrochenen Klangdramaturgie, die das Stück begleitet – sich immer mehr steigernde Schlagsequenzen auf Brettern, Bücherrücken, Tellern und Bestecken. Kein Wunder, dass der kopfkranke Lenz auf dem Bretterboden zu zittern beginnt.
Zunächst aber stellt Rainer die Pfarrersfamilie Oberlin, bei der Lenz Unterschlupf findet, vor: ein Charakterkopf (Manfred Böll) wie der alte Goethe, ein repressiver Patriarch in verbohrter Gottesgewissheit inmitten seiner Kinderschar und der Magd, die ihre Suppe ohne Löffel schlürfen muss. In diese hermetisch abgeschlossene Situation und in diese von Ritualen eingeengte Familie kommt 1778 vermummt und mit blutigen Füßen der baltische Dichter, das Sturm-und-Drang-Genie.

Privates Ancien Régime

Bis hin zu den verdreckten Hosen malt Rainer in fast kunstgewerblicher Genauigkeit die Idylle und ihre Gefährdung durch den wahnsinnigen Gast, der sich in den Dorfbrunnen unter den porösen Brettern dieser kleinen Welt stürzt.
Während immer wieder die Suppenteller herumgereicht werden, wächst die Spannung dieser präzisen, episch berichtenden Inszenierung: Fährt sie endlich los, diese Vogesen-Achterbahn des Wahnsinns? Bricht es endlich zusammen, dieses „einfache Leben“ in seiner eigentümlichen Schönheit, diese repressive, bigotte Erziehung, dieser ritualisierte Tagesablauf und diese patriarchalische Struktur eines privaten Ancien Régime? Das ist es, was Cornelia Rainer für 2012 über das literaturhistorische Seminar hinaus offenbar interessiert, das unangepasste Genie, das sich der Frage von Mme Oberlin gegenübersieht: „Herr Lenz, haben Sie auch ein Amt?“
Virtuos nimmt die Katastrophe auf der Achterbahn ihren Lauf, Shakespeare und die Herdersche Entdeckung des Volkslieds sind wie Steigeisen, das immer wieder repetierte Vaterunser hilft wenig weiter. Dieser Lenz, der ist für „Anstellung, Amt, Aufgabe“ verdorben, verzweifelt am fernen Vater, am noch ferneren Gott. Das Chaos, das der „bedauernswerte Jüngling“ in Steintal hinterlässt, ist schnell weggewischt, 1792 erfriert Lenz in einer kalten Moskauer Mainacht.
Markus Meyer als Lenz hat ihn vor der Kulisse der wollenen Oberlin-Pudelmützen als eine virtuose Schizophrenie-Studie über das Zerbrechen an Ordnung, Vater und Gott grandios auf die Bretter geknallt und Cornelia Rainers „Theater Montagnes Russes“ einen guten Startplatz in der „Young Directors“-Festspielkonkurrenz verschafft. (Uwe Mitsching)

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