Kultur

Ganz unten angekommen: André Jung als alternder König. (Foto: Julian Röder)

15.03.2013

Demenz im Schweinestall

Johan Simons Inszenierung von Shakespeares "König Lear" an den Münchner Kammerspielen

Diesmal lässt er buchstäblich die Sau raus, der Intendant: Quieklebendige Schweine bringt Johan Simons in seiner Inszenierung von Shakespeares „König Lear“ an den Münchner Kammerspielen auf die Bühne. Schon ehe es losgeht, hört man sie grunzen. Und wenn sich der Vorhang hebt – eine gestreifte Markise, die eigentlich Dolce-Vita-Flair verbreitet – , dann riecht man sie auch. Ihren Auftritt haben die lustigen Viecher allerdings erst später, wenn Lear ganz unten angekommen ist, im Saustall eines Bauern. Dieweil sein Reich, das er an zwei schmeichlerische, durchtriebene Töchter vermacht hat, längst in einen viel schlimmeren Saustall verwandelt ist, voller Intrigen, Korruption, Heuchelei.


Konservatives Mitfühl-Theater


Etwas seltsam wirkt es freilich von Beginn an, das Land des Lear: Bühnenbildner Bert Neumann hat eine große Drehscheibe installiert und mit Rollrasen belegt, der anfangs saftig grünt, aber im Laufe der folgenden Schlammschlachten immer mehr zerfleddert wird, bis am Schluss ziemlich viele ins Gras gebissen haben. Zuweilen hängt um das Wiesen-Rund auch ein Glitzervorhang aus Silberlametta herum, in dem sich alle verheddern, und über diesem royalen Indoor-Spielplatz zeigt eine elektronische Schrifttafel die Schauplätze an: „Britisches Lager“, „Heide“, „Gegend bei Dover“...
Während das Bühnenbild betont zeitgenössisch daherkommt, ist das, was auf dem begrünten Schicksalskarussell geboten wird, allerdings traditionelles, fast konservatives Mitfühl-Theater. Da gibt es Pathos, Witz, Tragik, große Gesten, kurz, Menschen, Tiere, Sensationen; denn außer den Schweinen sorgt auch ein Theaterdonner-Gewitter mit Blitz und Bühnennebel derart knallig für Stimmung, dass es schon wieder komisch ist.
Wenn bei dieser werktreuen, aber dank herausragender Schauspieler über weite Strecken dennoch fesselnden, ja momentweise beinahe ergreifenden Klassiker-Pflege so etwas wie eine Interpretation erahnbar wird, dann vor allem dank des großen André Jung in der Titelrolle. Dieser sonst so dezente Meister der Verinnerlichung wird diesmal unerwartet laut – ohne an Intensität einzubüßen. Sein langhaariger Lear wirkt wie ein verkleideter Alt-Achtundsechziger mit Blechkrone und ist keine sympathische Figur, sondern ein eitler Choleriker und beschränkter Machtmensch, der seine lautere Tochter Cordelia (Marie Jung) verkennt. Und auch als er, von den beiden anderen Töchtern verstoßen, im Schweinestall landet, mutiert er mehr zum larmoyanten Krakeeler als zum Weisen, bevor er dem Wahnsinn verfällt – der in dieser Inszenierung eher wie Alters-Demenz erscheint.
Ob Johan Simons mit diesem Alzheimer-Lear auf die aktuelle Pflege-Diskussion anspielen wollte, sei dahingestellt. Jedenfalls kann man die beiden hinterfotzigen Erbschleicher-Töchter (Sylvana Krappatsch und die hinreißende Annette Paulmann) fast ein wenig verstehen, wenn der launenhafte Egomane Lear sie nervt, der mit seinem Rittertross den anspruchsvollen Austragler gibt und hofiert werden will wie der verkaufte Großvater im Bauerntheater. Aber vielleicht sind solche Assoziationen ja auch nur dem Rustikal-Realismus dieser Shakespear-Viecherei geschuldet. Das Publikum fand’s jedenfalls saugut und jubelte laut und lange.
(Alexander Altmann)

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