Kultur

Die Grabsteine auf dem israelitischen Friedhof im oberpfälzischen Sulzbürg sind aus Jurakalk und Sandstein gehauen. Der Zahn der Zeit nagt an ihnen – das soll er nach jüdischem Verständnis auch dürfen. Die denkmalpflegerische Maßnahme an den Steinen war deshalb zurückhaltend. (Fotos: Mitsching)

29.10.2010

Denkmal für das Leid

Auf dem israelitischen Friedhof im operfälzischen Sulzbürg wurden die 360 Grabsteine behutsam restauriert

Dieses Sulzbürg, oben auf einem der „Insel-“ oder „Zeugenberge“ des alten Jurameeres, lässt, kaum dass man geparkt hat, keinen Zweifel an seinen historischen Qualitäten: Da steht die „Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Eiche“, gepflanzt 1897 anlässlich des 100. Geburtstags von Kaiser Wilhelm I. Das erste Wirtshausschild, das sich einem entgegen- streckt, ist von 1884. Aus Kaiserreichszeiten datiert auch die Erweiterung des israelitischen Friedhofs in der Engelgasse (1905). Schon um 1500 allerdings erwarb die jüdische Gemeinde dieses bemerkenswerten Ortes das hügelige Gelände, das zu nichts anderem nütze war – was den Vorteil hatte, dass der Friedhof (nach jüdischer Vorschrift) nicht anderweitig verwendet werden konnte.
Auf dem Sulzbürger jüdischen Friedhof wurden nach fünf Jahren konzeptioneller und zwei Jahren praktischer konservatorischer Arbeit jüngst die Renovierungsarbeiten an 360 Grabsteinen abgeschlossen – auch wenn nach jüdischer Auffassung der Zahn der Zeit zur Vergänglichkeit gehört. Dementsprechend wurden deren Spuren nicht völlig wegretuschiert – aber die Inschriften sind wieder lesbar gemacht geworden, der Verfall der Steine gestoppt. Auch der Zaun und die Mauern um den Friedhof sind erneuert.

Verpflichtung zu Respekt

„Ein Denkmal für das Leid, das über die Juden in Europa hereingebrochen ist und gleichzeitig eine Verpflichtung, darauf zu achten, dass gegenseitig Respekt gepflegt werde“, sagte Michael Trüger vom Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern und meinte damit nicht nur das letzte Grab, das auf diesem Friedhof angelegt wurde: Es war jenes für Johanna Wertheimer, die 1938 aus einem Regensburger Altenheim hierher überführt wurde.
In Sulzbürg war schon vor 1933 die jüdische Bevölkerung stark geschrumpft, das Landjudentum war in die Städte abgewandert: wie die Sulzbürger Familie von Jette und Simon Goldschmidt ins nahe Neumarkt, wo ihr Sohn die Fahrradproduktion aufnahm und die Express-Werke gründete. Begraben aber liegt das Ehepaar in Sulzbürg.

Ein Drittel jüdisch

Friedhelm Kurz, der auch das „Landl-Museum“ von Sulzbürg mit seinen vielfältigen heimatkundlichen Sammlungen leitet, kennt sich aus hier oben zwischen den Reihen der jüdischen Grabsteine unter dem alten Baumbestand. Jeweils zu einem Drittel war die Sulzbürger Bevölkerung um 1800 katholisch, protestantisch und jüdisch, aber ab der Jahrhundertmitte nahm besonders der jüdische Teil der Bevölkerung, etwa 200 Personen, kontinuierlich ab: durch Auswanderung nach Amerika, Abwanderung in die Städte.
Die letzten sieben Juden von Sulzbürg wurden deportiert. Ein einziger jüdischer Bürger soll angeblich noch da gewesen und versteckt worden sein, nach dem Krieg hat er sein Haus verkauft.
Die ersten Grabsteine, weiß Kurz zu berichten, waren hier oben aus typischem Jura-Kalkstein, später aus Sandstein gehauen. Allmählich glichen sie sich den Grabdenkmälern der christlichen Bevölkerung an. Kurz hat eine Broschüre herausgegeben über die verwendete Symbolik, hat Inschriften entschlüsselt und gibt einem auch das Umrechnungssystem nach der normalen und der „kleinen“ jüdischen Zeitzählung an die Hand. Damit geht man durch die Reihen, kann jetzt nach Säuberung und Renovierung auf jedem Stein das hebräische p (für: „hier“) und t (für: „ist verborgen“) – natürlich von rechts nach links – entziffern.
Zum Beispiel auf dem Grabstein für „die Wöchnerin Qilah, die Tochter des Qatzin, unseres Lehrers, des Herrn Zalman Bär ... aus der heiligen Gemeinde Fürth, die Frau des Herrn Hirsch Sulzberg“, die am 17. November 1832 hier begraben wurde. Am Ende des langen Texts ihr zu Ehren die einheitliche Formel zu lesen: „Es sei ihre Seele eingebunden im Bündel des Lebens“. Meist folgt im unteren Teil der Grabsteine eine kurze Angabe von Namen und Lebensdaten in lateinischer Schrift.
Ganz oben sind oft Grabsymbole eingemeißelt: die „segnenden Hände“, wenn der Verstorbene seine Abstammung von Aaron, dem ersten Hohenpriester ableiten konnte; die Löwen, die an den Stamm Juda erinnern; die nach unten gerichteten Blumen, wenn der Verstorbene ein Kind oder ein unverheiratetes Mädchen war.
Entsprechend dem Konzept des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege wurden die Steine abgesaugt, abgekehrt, mit Heißdampf gereinigt, die Risse verpresst und die Inschriften erfasst, zum Teil auch publiziert.
Den Gang der Arbeiten, den Unterschied zwischen altem und neuem Zustand kann man derzeit in einer Ausstellung in der Sulzbürger Montessori-Schule nachvollziehen: „Man staunt, wie groß das Interesse ist“, berichtet Friedhelm Kurz, und er erzählt, dass immer wieder Besucher aus den USA kommen und zum Andenken ein Steinchen auf die Grabsteine legen. Und sie schauen dann auch hinunter auf den Ort, wo sich in Sichtweite die Häuser der jüdischen Bevölkerung befanden und heute noch die Synagoge steht, in die damals ein Moritz Regensburger ging, der mit Vieh, Gütern und Hopfen gehandelt hat, oder ein Johann Bamberger, der Steingut und Glas verkaufte und Anstreicher war.

Attraktiver Urlaubsort

Friedhelm Kurz erinnert auch an die „guten alten jüdischen Zeiten in Sulzbürg“, die es tatsächlich auch einmal gab – als 1898 die Zeitschrift Der Israelit die „einmalige Lage des Urlaubsorts“ überschwänglich lobte, auch dass für gute, aber selbstverständlich streng rituelle Kost bestens gesorgt sei. Und er liest den letzten Brief vor, den 1942 ein Sulzbürger Jude aus dem Nürnberger Deportationslager an seine Nachbarin schrieb, der wie eine Verpflichtung klingt: „... sollte ich mich niemals mehr um die Grabstätten meiner lieben Eltern kümmern können, und ist’s Ihnen mal möglich, wenn es erlaubt ist allerdings nur, so wäre ich Ihnen sehr dankbar, dies zu tun.“ (Uwe Mitsching)

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