Kultur

Kein sonniges Gemüt: Reger am Klavier. Foto: Bayerische Staatsbibliothek

21.01.2011

Der „Accordarbeiter“

Neue Ausstellung über Max Reger in der Bayerischen Staatsbibliothek

Alexander Berrsche, Reger-Schüler und später bedeutender Musikkritiker, schaute als 18-Jähriger dem Bewunderten ehrfurchtsvoll zu, als über die Partiturlinien „die klaren und festen Züge seiner Handschrift in erstaunlicher Eile flogen. ,Ja, Herr Reger, haben Sie denn kein Konzept?’ –- ,Konzept? Das hab’ ich im Kopf. Wissen S’, das steht dort so sicher, dass ich es ganz einfach hinschreiben kann... ’. “
Das mag aus dem Augenblick geboren sein, vielleicht dem jungen Wilden selbstverständlich, aus dem um 1900 Werk über Werk stürzte. Doch eine Vitrine in der hoch interessanten Ausstellung „Max Reger – Accordarbeiter“ gibt uns Einblick in den Schaffensprozess des um ein Dutzend Jahre und Selbstkritik reicher gewordenen Komponisten.
Im Zentrum steht die Stichvorlage der „Mozart-Variationen“ – sie ist sozusagen der Kohinoor unter Münchens Reger-Autographe. Daneben eine Druckseite mit dem Thema aus der Klaviersonate KV 331, über Mozarts Noten sorgsam mit Bleistift notiert erste assoziative Einfälle, Melodisches, Harmonik, Rhythmik. Davor ein mit Änderungen übersäter Korrekturabzug, zur Rechten die vierhändige Fassung für die Hausmusik, bei deren Erstellung er irrige Noten in der Orchesterpartitur entdeckte und per Postkarte sofortige Beseitigung verlangte.
Die Noten freilich sind 1914 genauso mit „klaren und festen Zügen“ niedergeschrieben wie ehedem. Klar sind sie auch in den instrumental monströsesten Partituren wie in der sublimsten Kammermusik, etwa dem A-Dur Quintett op. 146: Reger konnte es bei seinem letzten Münchner Konzert im Januar 1916 mit dem Buschquartett aus dem Manuskript spielen lassen.
Auffallend mit den Jahren ist die extreme Steigerung der dynamischen Hinweise – vergleichbar Gustav Mahler, allerdings ohne dessen anspruchsvolles Vokabular. Fast alle Interpretationswünsche hat Reger mit roter Tinte eingetragen.
Über Regers Kompositionsarbeit wird das neue Thematisch-chronologische Verzeichnis der Werke Max Regers und ihrer Quellen erschöpfend Auskunft geben (2 Bände, 1616 Seiten). Susanne Popp, Leiterin des Max-Reger-Instituts Karlsruhe, hat es mit ihrem Wissenschaftlerteam in der vergangenen Dekade erarbeitet und vermittelt in lesbarer Form fundierte Kenntnisse sämtlicher Originalwerke und Bearbeitungen, vollendet oder fragmentarisch.
Entstehungsgeschichte, Fundort und Beschaffenheit der handschriftlichen und gedruckten Quellen werden mit neuen Forschungsergebnissen vorgelegt. Dieses neue Werkverzeichnis ist ein Anlass für die Münchner Reger-Ausstellung. Für die Bayerische Staatsbibliothek nicht minder wichtig ist der Erwerb von 39 bisher unbekannten Briefen Regers an Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen, die in dem Katalog zur Ausstellung erstmals veröffentlicht werden, von Susanne Popp kommentiert. Sie erweitern nicht nur unser Wissen um das Musikleben des Duodez-Herzogtums, um das Konzertieren der berühmten Meininger Hofkapelle. Regers Briefe, ganz sicher nicht sub specie aeternitatis für die Nachwelt verfasst, sind spontane Situationsaufnahmen, verraten viel von seinem Charakter, seiner sozialen Verantwortung für die Musiker, mit der er „Ew. Hoheit“ oft genervt haben dürfte. Erstaunlich, wie aggressiv er noch immer auf Kritik reagierte, Humor und souveräne Selbstironie verliert.
Die Vitrinen sind eingehender Betrachtung wert. Regers Verlagsvertrag von 1899 über sieben unterschiedlich gewichtige Kompositionen weist ein Honorar über 700 Mark aus: Joseph Aibl muss seinen Neuling geschätzt haben, denn bekannt war er an der Isar dazumal nicht. Zum Vergleich: Richard Strauss erhielt für Don Juan 1889 vom Verleger Spitzweg 800 Mark.
Konzertprogramme und -plakate rufen ins Gedächtnis, wie viele große Zeitgenossen sich rasch für den Neutöner einsetzten: das Wiener Rosé-Quartett, Schönberg, Strauss, Mottl, Straube, Nikisch ... Nicht immer leicht zu entziffern sind seine Briefe: eine verwegene Orthographie, von lateinischen Buchstaben in Sütterlin wechselnd, große Schriftzüge und nur mit der Lupe lesbare Postkartengrüße, eine Unterschrift mit unübersehbar promillereicher Vergangenheit. Anrührend der Militärpass von 1914, der eine „Feld- und Garnisonsdienstunfähigkeit “ dauerhaft bestätigt.
Amüsante Personalia: Karikaturen, Notenkoffer, Regenschirm. Nur der Schlapphut ist eine Kopie.
Man wünscht der Ausstellung, die Reiner Nägele in Zusammenarbeit mit dem Karlsruher Reger-Institut gestaltet hat, viele Besucher, Musikfreunde und Interpreten. Regers Werk verdient, bei Apoll, mehr Beachtung, als ihm heute gezollt wird. (Klaus Adam)

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