Kultur

Zehn Jahre an der Spitze der Bayerischen Staatsbibliothek: Rolf Griebel hat das Flaggschiff der wissenschaftlichen Bibliotheken im Freistaat zu einem Innovationstreiber geformt. Mit viel Lobbyarbeit hat er das Bild der Stabi als Partner von Wissenschaft und Forschung in der Öffentlichkeit populär gemacht. f(Foto: BSB/H.-R. Schulz)

19.12.2014

Der Herr der Bücher und Bytes

Rolf Griebel, Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek, verabschiedet sich in den Ruhestand – und erzählt von den Problemen eines Managers im öffentlichen Dienst

Schatzmeister und Datendealer – da lacht einer, der sich als Manager durch und durch versteht, herzlich: „Ja, irgendwie bin ich schon von beidem etwas“, bestätigt Rolf Griebel die saloppe Charakterisierung seines Postens: Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek. Ab 1. Januar wird ein „a.D.“ dahinter gesetzt – und das „Ade“ fällt dem Stabi-Chef nicht leicht: Vergeblich sucht man derzeit Packkisten in seinem Büro, alles ist wie eh und je – „es gibt noch viel zu viel zu tun“, wischt er beiseite.
Also, Spieß umgedreht: „Welche Pläne hätten Sie denn in ihrem Gepäck, wenn Sie es wären, der am 1. April neuer Generaldirektor würde?“ Die Irritation währt kurz, das Gedankenspiel reizt, und überlegen muss Rolf Griebel ohnehin keine Sekunde: „Als verantwortlicher Hausherr“, so Griebel, „müsste ich vor allem vehement auf die rasche Verbesserung des Brandschutzes pochen. Dieses Thema steht für uns ganz oben auf der Agenda, und das ist auch die Sichtweise des Ministeriums. Nicht nur, um das unschätzbare Kulturgut, sondern auch die Menschen in diesem Haus zu schützen. Ich möchte ja nicht das Menetekel Weimar bemühen...“, lässt er im Raum stehen und kommt unmittelbar zu einem weiteren Top-Punkt auf seiner imaginären To-do-Liste: die Raumprobleme.

Raumdruck ist brenzlig

Nicht nur der dritte Bauabschnitt im Magazin Garching steht an – hierfür sind, so Griebel, im nächsten Doppelhaushalt Planungsmittel eingestellt. Vor allem aber müsse am Hauptstandort in der Münchner Ludwigstraße etwas geschehen: „Hier befinden sich nur noch 40 Prozent des Bestandes. Bei über zwei Millionen Liefervorgängen wirft das natürlich gravierende logistische Probleme auf und verursacht erhebliche zusätzliche Kosten.“
Nicht weniger brenzlig ist die Raumsituation für die „Kunden“: In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der aktiven Nutzer von 49 000 auf 79 000 gestiegen (plus 61 Prozent), die der Lesesaalbesucher von 489 000 auf 1 180 000 (plus 141 Prozent). Seit 2006 ist die BSB an sieben Tagen die Woche von 8 bis 24 Uhr geöffnet. In der Ortsleihe stieg die Zahl der ausgegebenen Bände von 1,2 auf 1,9 Millionen (plus 58 Prozent). Eine notwendige Service-Offensive für die Profilierung der Bibliothek am Wissenschafts- und Forschungsstandort München.

Wenn er der Neue wäre...

Wenn der alte BSB-Chef am 1. April der neue wäre, dann müsste er dem Unterhaltsträger viele „alte Lieder, die leider immer wieder neue Lieder sind“ vortragen. Zum Beispiel über das strukturelle Defizit in der Sicherung des innovativen, digitalen Angebots für Wissenschaft und Studium. Dass allseitiges Lob für all die innovativen Erfolge zwar gut tut – dass aber all die Initiativen auch notwendige Nachfolgekosten nach sich ziehen. Dass, um die Angebote nachhaltig bereitstellen und weiterentwickeln zu können, der Auf- und Ausbau einer entsprechenden Infrastruktur zwingend notwendig ist.“
Die Digitalisierung zum Beispiel: 2013 konnte der millionste Band digitalisiert werden – keine Bibliothek in Deutschland könne das auch nur annähernd bieten und auch international bedeute dies eine Spitzenstellung. 75 Millionen Euro hat das gekostet – und dies wurde zum allergrößten Teil aus Drittmitteln finanziert; allein die Digitalisierung durch Google entspricht einer Dienstleistung im Wert von 60 Millionen Euro – ein Deal, für den Griebel damals nicht nur Anerkennung einheimste, den aber wenig später andere Institutionen nur allzu gern auch gemacht hätten.
Aber mit dem Digitalisieren allein ist es nicht getan. Damit kein riesiges Datengrab entsteht, sondern man aktiv mit diesem Angebot arbeiten kann, sind eine laufende Bereitstellung und eine nachhaltige Langzeitarchivierung notwendig. Das braucht Manpower und Geld: Etwa 1,5 Millionen Euro jährlich bräuchte die BSB dafür, „tatsächlich haben wir aber nur 350 000 Euro zur Verfügung“, rechnet Griebel vor.
Er bemüht sich, sein Unverständnis verhalten klingen zu lassen: „Es ist äußerst bedauerlich, dass wir unsere historischen Sammlungen weitestgehend mit Drittmitteln digitalisiert haben, der Etat aber nicht annähernd für den Aufbau einer Infrastruktur zur langfristigen Sicherung des digitalen Angebots ausreicht. Es wäre fatal, wenn das in der Digitalisierung für die Wissenschaft liegende Potential nicht ausgeschöpft werden könnte.“
Die BSB wirbt zwar Jahr für Jahr gut fünf Millionen Euro an Drittmitteln (ohne Google) ein, aber auf Dauer können strukturelle Defizite nicht durch Drittmittel ausgeglichen werden, zumal hieraus nur befristete Stellen besetzt werden können.

Strukturelles Etatdefizit

Die BSB, die 2006 in das Hochschulgesetz aufgenommen wurde, ergänzt aufgrund ihrer unverzichtbaren Funktion als Rückgrat der forschungsorientierten Informationsversorgung des Wissenschaftsstandortes die Eigenversorgung der bayerischen Hochschulen. Da jedoch der Erwerbungsetat (ohne Drittmittel) seit Jahren bei gut zehn Millionen Euro stagniert, führt die Kostensteigerung auf dem Literaturmarkt zu einem immer größeren Kaufkraftverlust.
Eines versteht Rolf Griebel als unabdingbares Selbstverständnis eines Generaldirektors der Bayerischen Staatsbibliothek: Erbe verpflichtet! „Da bin ich wirklich ein unerbittlicher Schatzmeister!“ Der über 450 Jahre alte Bestand müsse lebendig erhalten werden, die „analoge“ Geschichte des Hauses fortgeschrieben werden. „Landläufig herrscht das Bild, im digitalen Zeitalter entstünde kein gedrucktes Bibliotheksgut mehr.“ Tatsächlich bleibt aber im Rückblick auf das letzte Jahrzehnt summa summarum der alljährliche Zuwachs von 136  000 Bänden konstant. Gleichzeitig muss auch der digitale Bestandsaufbau – elektronische Zeitschriften, Datenbanken und E-books – aus dem Erwerbungsetat bestritten werden.
Wer meint, von diesem Geld würden all die Prachtbände wie die Ottheinrich-Bibel, die Fugger-Genealogien oder das Schott-Archiv gekauft werden, der täuscht sich: Für solch millionenschwere Highlights muss sich die BSB kräftig ins Zeug legen, um Drittmittel einzuwerben und Finanzierungsallianzen zum Beispiel mit der Kulturstiftung der Länder oder der Ernst von Siemens Kunststiftung zu initiieren. Im Etat stehen für den Altbestand nur gut 400 000 Euro zur Verfügung. Griebel warnt: „Wir sind an einem gefährlichen Punkt angekommen. Zum Glück erfahren wir diesbezüglich eine wertvolle Unterstützung durch die Carl Friedrich von Siemens Stiftung.“
Was den BSB-Chef im Rückblick nachdenklich stimmt, sind grundsätzlich „die Rahmenbedingungen, die dem Management in staatlichen Institutionen gesetzt sind und nicht immer die besten Voraussetzungen für eine Erfolgsoptimierung in der Wahrnehmung ihres Auftrags bieten“. Wie gerne hätte da – wäre er der Neue auf seinem Posten – Rolf Griebel mehr Gestaltungsfreiraum.
Und wie schön wäre es doch, könnte der künftige Generaldirektor seinen Mitarbeitern auch mal „anständige“ Leistungsprämien zukommen lassen: 40 500 Euro für 350 Beamte standen dafür 2014 zur Verfügung – die Angestellten erhalten aufgrund der Vorgaben ohnehin nichts. „Da ist nicht mehr als eine symbolische Geste möglich“, sagt Griebel geradezu verschämt. „Denken Sie nur an die IT-Spezialisten, was die gerade in München in der freien Wirtschaft verdienen können! Da ist es schon äußerst schwer, die Mitarbeiter unter den Bedingungen des öffentlichen Dienstes zu motivieren.“

100 Prozent Bottom up!

Und trotzdem: Der Neue in der Generaldirektion kann sich ab dem 1. April auf eine hochmotivierte Mannschaft freuen. Was treibt die Mitarbeiter dazu, ohne Extra-Honorierung so viel Extra-Leistung zu bringen? „Es ist die außerordentlich hohe Motivation und Identifikation der Mitarbeiter mit ihrer Institution“, lobt Griebel, „die sich in hohem Engagement und der Bereitschaft zu dauerhafter Mehrarbeit ohne Freizeit- oder finanziellen Ausgleich äußert.“
Nach all dem, was der kämpferische Manager über die „harten“ Betriebsfakten der BSB sagte – beim Gedanken an seine Mitarbeiter ist der Abschiedsschmerz unüberhörbar: „Ich hatte ein tolles Team! Alle waren mit Begeisterung bei der Sache. Das ist die große Stärke des Hauses!“
Als künftiger „General“ würde er es wieder so machen: „100 Prozent Bottom up!“ Vom Ordre du Mufti hält Rolf Griebel nichts. Seine Maxime lautet vielmehr: kooperativer Führungsstil, Entscheidungsfreiräume schaffen, Verantwortung delegieren – positives Gestalten. Und zwar nicht nur auf der Führungsebene, sondern von der regelmäßigen Runde der Hauptabteilungsleiter kaskadierend in das gesamte Haus.
„Die Leitung der BSB gehört zweifellos zu den reizvollsten und schönsten Aufgaben in unserer Profession. Ich bin deshalb sehr dankbar, dass ich ein Jahrzehnt die Verantwortung für dieses phantastische Haus tragen durfte. Eine Aufgabe, die permanent höchstes Engagement erforderte, was ich aber auch bei der regelmäßigen 70- bis 80-Stunden-Woche nie als Belastung im eigentlichen Sinn des Wortes empfunden habe.“
Jahrelang rundum eingespannt: Nicht, dass Rolf Griebel in seinem neuen Lebensabschnitt nichts mit sich anzufangen wüsste. Da nennt er an erster Stelle die drei Enkel; er freut sich auch auf Wandertouren in die Berge. Und dann kann er eine andere Leidenschaft wieder aufleben lassen: das Lesen. „Was meinen Sie, welche Bücherstapel da auf mich warten, was ich alles mal in Ruhe und intensiv lesen wollte, aber nie so recht dazu kam“, sagt ausgerechnet der „General“ über zehn Millionen Bände in der Bayerischen Staatsbibliothek.
Mit dem selbstvergessenen Bücherwurm à la Spitzweg oder einem verschrobenen Kauz, dem die Welt zwischen staubigen Buchregalen genug ist, hat sein Beruf des „wissenschaftlichen Bibliothekars“ allerdings ohnehin nichts gemein – wenngleich sich in Studentenjahren mancher Kommilitone („auch manche Studentin“, lächelt Griebel verschmitzt) mit einem solchen Bild im Kopf schon über Griebels Berufsziel gewundert hat. Wissenschaft kombiniert mit Organisation und Administration: Das war es, was der Abiturient aus Ansbach einst aus einer Informationsbroschüre herausgelesen und für sich als Berufsziel abgesteckt hatte. „Das war felsenfest, ich habe mir nie auch nur überlegt, zum Beispiel ins Verlagswesen einzusteigen.“
Es waren mehrere Etappen zu meistern: Lehramtsstudium mit erstem Staatsexamen und Promotion (Geschichte, Germanistik und Sozialwissenschaften in Würzburg), Bibliotheksreferendariat (Universitätsbibliothek Regensburg, Bayerische Bibliotheksschule in München). Nach dem Assessorexamen wurde es ernst – Rolf Griebel begann seine Laufbahn an der Universitätsbibliothek Bamberg (1980 bis 1987).
Schon während seiner ersten Stelle war er mit dem Bestandsaufbau und dem Etat befasst – Aufgabenbereiche, die die Bibliotheken in der Zeit der Uni-Neugründungen besonders herausforderten. Neue Uni-Bibliotheken mit modernen, tragfähigen Strukturen mussten aufgebaut werden. Gleichzeitig begann zaghaft die digitale Revolution zwischen alten Karteikästen: Erst mussten die Kataloge in Microfiche, dann in Digitalisate und ins Internet überführt werden.

Zaghafte Revolution

Und dazwischen die Wiedervereinigung, die auch die „Bibliothekspolitiker“ forderte: „In den neuen Ländern musste eine völlig neue Infrastruktur aufgebaut werden. Es gab auch kaum Bestände an ideologiefreier Literatur, also Literatur aus dem nicht-sozialistischen Währungsgebiet, wie es damals hieß“, erinnert sich Rolf Griebel, der zu dieser Zeit viel in entsprechenden Kommissionen unterwegs war, die die Grundlagen für einen Neubeginn des wissenschaftlichen Bibliothekswesens in den neuen Ländern schufen.
Genau das war es, was sich Rolf Griebel unter der spannenden Verbindung zwischen Wissenschaft und Organisation/Verwaltung einst vorgestellt hatte. Sein Weg führte ihn von der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg (1987 bis 1994) an die Bayerische Staatsbibliothek, wo er zunächst Leiter der Hauptabteilung Erwerbung, dann Direktor der BSB und Stellvertreter des Generaldirektors (2000 bis 2004) und 2004 schließlich der Chef wurde.
Rolf Griebel, von dem eine stattliche Publikationsliste vorliegt und der auf eine umfassende Vortragstätigkeit zurückblicken kann, engagierte sich intensiv in zahlreichen Gremien auf Landes-, nationaler und internationaler Ebene – „das werde ich, natürlich deutlich reduziert, auch noch eine Weile nach meiner Pensionierung tun.“ Und wieder gesteht der Manager Abschiedsschmerz: „Über die Gremientätigkeit sind so viele enge kollegiale Kontakte entstanden, ja, ich möchte sagen, berufliche Freundschaften. Ich hoffe, dass die künftig nicht so stillschweigend einschlafen.“
Feste Treue haben ihm allerdings schon andere Freunde geschworen, lächelt Rolf Griebel: „Ich werde weiterhin in der BSB-Fußballmannschaft kicken“. (Karin Dütsch)

Abbildungen:
Pracht auf Pergament hieß die Jahrhundertausstellung der Bayerischen Staatsbibliothek, die von der Hypo Kunsthalle präsentiert wurde. „Wir brauchen dringend Ausstellungsmöglichkeiten, die unserem einmaligen Bestand gerecht werden!“ – eine Forderung, die Rolf Griebel seinem Nachfolger mit auf den Weg gibt. (Foto: dpa)

Immer am Ball blieb Rolf Griebel, wenn es um Innovatives im Bibliothekswesen ging – und einen ausgeprägten Drang zum Ball hat er auch als Kicker in der BSB-Fußballmannschaft. (Foto: BSB)

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