Kultur

Eine fiktive Begegnung, über Ort und Zeit hinweg: Zum kritisch dreinblickenden Kultursoziologen Nicolaus Sombart gesellen sich zwei längst Verstorbene – sein Vater und im Hintergrund der französische Gesellschaftstheoretiker des frühen 19. Jahrhunderts, Charles Fourrier (1983). (Foto: Asperger Gallery Berlin)

02.12.2011

Der letzte Realist

Das Germanische Nationalmuseum Nürnberg widmet Johannes Grützke eine große Retrospektive

Am liebsten malt sich der Maler selbst, nennt seine Selbstporträts „Selbst“ und sieht sich als Repräsentanten des Menschen, wenn nicht gar der Menschheit schlechthin: der Künstler als Genie, das sich mit einem Lorbeer bekränzt oder sich gottgleich mit einem Palmwedel krönt. Unter dem Glorienschein scheinbar eitler Selbstgefälligkeit freilich nimmt sich Johannes Grützke mit sarkastischem Blick selbst auf die Schippe und unterläuft den Heroen mit der mal feinen, mal faustdick aufgetragenen Ironie des Berliners, der er ist.
Jetzt widmet das Germanische Nationalmuseum Nürnberg dem 1937 geborenen Künstler und langjährigen Professor für freie Malerei an der Nürnberger Akademie der Bildenden Künste (1992 bis 2002) eine große Retrospektive.

Historienmaler

In der deutschen Kunst der Gegenwart gilt Johannes Grützke als der letzte Realist, den man von seinem Malstil her nicht nur in der Nachfolge von George Grosz und Otto Dix sehen, sondern auch unschwer in die Tradition des sozialistischen Realismus der Leipziger Schule der DDR-Maler, von Willi Sitte, Werner Tübke oder Bernd Heisig, stellen könnte. Von seinen Sujets her freilich sieht er sich selbst als Historienmaler, der in der Frankfurter Paulskirche mit seinem Rundgemälde Der Zug der Volksvertreter der gescheiterten deutschen Revolution von 1848 ein Denkmal setzte.
Ein politisches Panoptikum schafft er mit den – meist von ihnen selbst in Auftrag gegebenen – Porträts seiner Zeitgenossen, die er in grellen Fleischfarben abkonterfeit oder gar karikiert: ein dickköpfig aufgeschwollener Gerhard Schröder auf dem Weg zur Kanzlerschaft und mehrfach ein verschmitzter Richard von Weizsäcker, konterkariert vom Bildnis einer hohenlohischen Prinzessin, den Schriftstellern Martin Walser und Ernst Jandl und dem Theaterregisseur Peter Zadek, dem Grützke auch so manches Bühnenbild für seine legendären Inszenierungen lieferte.
Grützke ist ein Maler der Groteske, der die menschliche Figur in seinen Akten von Männern und Frauen zu wollüstigen Leib-Gebirgen auftürmt, wie sie seit Rubens wohl nicht mehr in solch überbordender Üppigkeit gemalt wurden. In seinen frühen Werken aus den 1960er Jahren bringt Grützke den Zeitgeist auf den Punkt, wenn er etwa in seinem Gemälde Apotheose des Händeschüttelns von 1968 die feine Gesellschaft der feisten Geschäftswelt ausstellt. In lüsterner Sinnlichkeit entlarvt er schamlos die Promiskuität einer sich nicht nur körperlich bloßstellenden Gesellschaft, die Grimassen schneidend ihr wahres Gesicht, bis zur Fratze entstellt, zeigt.
Aber vielleicht, sagt Grützke, konnte er als Sohn eines Glas- und Spiegelfabrikanten gar keine anderen Bilder malen als solche, die ihm selbst und dem Betrachter den Spiegel vorhalten – und sein enigmatisches Gemälde Authentizität-Realität-Idealität-Demut mit den vier rätselhaften Figuren von 1995 wird zum Schlüsselbild, in dem sich jeder selbst entdecken oder wiedererkennen kann. (Friedrich J. Bröder)

(Abbildungen: Plastik "Der lächelnde Kopf" (1995). Der Künstler Johannes Grützke. Fotos: Runge, Back)

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