Kultur

Gisèle Freund im Selbstporträt, 1950 in Mexiko aufgenommen.

18.11.2011

Der Moment macht's

Freund-Fotos in der Kunsthalle Jesuitenkirche Aschaffenburg

Gisèle Freund betrachtete sich selbst nicht als Künstlerin. Zweifelsohne sind aber ihre Fotografien herausragender Persönlichkeiten eindeutig Kunst – überdies bietet ihr Werk einen Querschnitt durch die Avantgarde-Kultur der 40er bis 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. In der Aschaffenburger Kunsthalle Jesuitenkirchelernt man nun auf 100 teilweise handsignierten Porträtaufnahmen die wichtigsten Vertreter der verschiedenen Kunstrichtungen kennen, in quasi privaten Situationen, ohne Posen.
Gisèle Freund (1908 bis 2000) retuschierte niemals. Sie nahm die Personen in ihrem ganz speziellen Umfeld wahr, mit einem Blick, der das Charakteristische erfasste, mit Gespür für den richtigen Moment, mit Sinn für den Ausschnitt, für effektvolle Beleuchtung, für Spannung im Bild.
Aber nicht nur die Kunstszene war ihr Betätigungsfeld. Ihre sozialkritischen Fotos zeugen von ihrer politischen Haltung, dokumentieren beispielsweise die Missstände in den Arbeitersiedlungen in England, die Arbeitslosigkeit oder antifaschistische Demonstrationen in Frankfurt, aber auch den verräterischen Pomp, den zum Beispiel Evita Peron in Argentinien entfaltete.
Gisèle Freund, 1908 als Tochter einer vermögenden jüdischen Kaufmannsfamilie in Berlin geboren, studierte Soziologie und Kunstgeschichte, floh vor den Nazis nach Paris, emigrierte 1942 nach Argentinien, lebte ab 1952 in Mexiko, zog ein Jahr später nach Paris, wo sie hoch geachtet im Jahr 2000 starb. Sie publizierte auch theoretisch über die Fotografie, etwa mit dem Buch Photographie und bürgerliche Gesellschaft, und war eine der ersten ihrer Zunft, die Farbaufnahmen machte.

Entspannt vor der Linse

Ihre engen Verbindungen zu wichtigen Buchhändlerinnen und Geistesgrößen in Europa und Südamerika ermöglichten es ihr, Porträts auch schwieriger Künstler zu schaffen. Dazu verhalf ihr, dass sie sich während des Fotografierens mit ihrem „Gegenüber“ unterhielt, so eine lockere, persönliche Atmosphäre erreichte und dadurch das individuell Menschliche aufzeigen konnte. Die Gesichter etwa von Marcel Duchamp, James Joyce, Samuel Beckett, Walter Benjamin, André Malraux, Colette oder Simone de Beauvoir, Henri Matisse oder Frida Kahlo sprechen dadurch ihre eigene Sprache.
So begegnet der Betrachter von heute den längst Verstorbenen wie Virginia Woolf oder Jean Cocteau, als ob sie noch lebendig wären. Dass auch Staatsoberhäupter wie Willy Brandt oder Francois Mitterand Gisèle Freund mit Porträts beauftragten, verwundert nicht. (Renate Freyeisen)

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