Kultur

Brecht-Enkelin Johanna Schall hat zusammen mit Bühnenbildner Horst Vogelsang und Kostümbildnerin Jenny Schall mit klassischen Theatermitteln ein wahnwitziges Panoptikum gestaltet. (Foto: Pöhlmann)

25.03.2011

Der Teufel im Irrenhaus

Johanna Schall begeistert mit ihrer Inszenierung der Bühnenfassung von Michail Bulgakows Roman "Der Meister und Margarita"

Eine der besten Schauspielinszenierungen seit Längerem am Theater Ingolstadt hat jetzt Gastregisseurin Johanna Schall eingerichtet. Und dies mit einem reichlich komplizierten Stoff: dem Roman Der Meister und Margarita von Michail Bulgakow in einer Bühnenfassung, erstellt von der Brecht-Enkelin selbst in Zusammenarbeit mit Grit van Dyk.
Außerordentlich kunstvoll werden die Handlungsstränge des umfänglichen Werkes herausgearbeitet, das den Autor aus Kiew ab Mitte der 1920er Jahre bis zu seinem Tod 1940 beschäftigte und erst 1966 erscheinen konnte.
Im Hintergrund geht es um das Schicksal des „Meisters“, dessen Roman über Pontius Pilatus derart verrissen wird, dass er in einer Irrenanstalt landet, entfernt von seiner großen Liebe Margarita, die mit einem reichen Mann verehelicht ist. Beim Nervenarzt Dr. Strawinski wird auch der Lyriker Besdomny eingeliefert, weil er glaubt, einen Terroristen entlarvt zu haben. In Wirklichkeit ist er dem Teufel begegnet, der sich auf Inspektionsreise nach Moskau begeben hat und die dortige Gesellschaft fürchterlich durcheinanderwirbelt. Der Satan, hier mit dem alten Namen Voland benannt, war dabei, als Pilatus Jesus dem Tode preisgab, und kann deshalb vergnüglich Beiträge zur Diskussion um die seinerzeitigen Vorgänge liefern.
Da scheint im Subtext Bulgakows Kritik am Stalinismus durch, welche die Regisseurin satirisch in jüngere Beispiele des Machtmissbrauchs hierzulande überträgt.
Insgesamt ist das ein reichlich verwirrendes Gemenge, ein ziemliches Durcheinander – nicht ohne Grund trägt der Böse dieser Welt den Beinamen „Durcheinanderbringer“. Den spielt in Ingolstadt exzellent und verführerisch Vera Weisbrod. Ihre schauspielerische Leistung steht für die Regiekunst von Johanna Schall, die das Ensemble auf ein hoch artifizielles Niveau zu führen vermochte.
Aber auch sonst im sparsam gestalteten Bühnenbild von Horst Vogelgesang, bestückt mit zwei schlanken Gittertürmen und garniert mit Ikonen, in den kreativen Kostümen von Jenny Schall: herrliche Spielfreude, vertrauend auf die theatereigenen Mittel mit grandiosen Masken, effektvollen Choreografien – und unter Verzicht auf zeitgeistige Moden wie Videoeinspielungen. Pure Schauspielkunst eben.
Das Ingolstädter Premierenpublikum nahm die Herausforderung an und applaudierte heftig. (Gudrun Rihl)

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