Kultur

Die Skulptur "Left Right Left Right" von Karla Black besteht aus Kompost, Humus, Bausand, Kies, Haarspray und Styropor. (Foto: Kradisch)

13.08.2010

Der Vergänglichkeit preisgegeben

Karla Blacks Skulpturen in der Kunsthalle Nürnberg

Es ist die Anwesenheit des Abwesenden: In die Stille dieser Dünen und Sandgebirge hinein glaubt man Kinderlachen und Spielgeschrei zu hören und von ferne her das Rauschen des Meers zu vernehmen. Aber man steht in der Kunsthalle Nürnberg in künstlichen Landschaften: in artifiziell aufgetürmten Mini-Gebirgen aus Sand und Sägemehl, bewegt sich zwischen geschichteten Gesteins- und Erdformationen, zwischen Kies-, Torf- und Lehmbändern, geht hinter papierenen Felstürmen vorbei und schaut durch Folienvorhänge auf Teppiche aus Gipspulver, Gesichtspuder und Kreidestaub.
Ten Sculptures nennt die schottische Künstlerin Karla Black ihre zehn Bodenarbeiten, die sie in der Kunsthalle Nürnberg als ihre bisher größte Einzelausstellung aufgebaut – und der Vergänglichkeit preisgegeben hat. Denn nur für die Dauer der Ausstellung sind sie dort zu sehen: temporäre Kunstwerke, die trotz ihrer massiven Materialität fragil, ja verletzlich wirken, weil schon die geringste Berührung diese geschütteten, gestreuten, geschichteten Pyramiden und Hügel aus Sand und gefärbten Erden zum Einsturz bringen könnte; oder schon der geringste Lufthauch diese filigranen „Teppiche“ aus Puder und Pulver zerstören würde.
Karla Black, 1972 geboren und heute in Nürnbergs Partnerstadt Glasgow lebend, wird ihr Heimatland im nächsten Jahr auf der Biennale von Venedig vertreten. Ihre ebenso befremdenden wie faszinierenden Arbeiten, die sie Skulpturen nennt, vermischen auf eigentümliche Weise die Stilprinzipien der Land Art und der Arte povera, der Minimal Art und der Spurensicherung und lassen zugleich den Prozess erahnen, die „Performance“, in dem sie entstanden sind.
Trotz aller Konzeptualität scheinen diese kristallenen, bläulich schimmernden, zerknüllten und aufgetürmten Folien der Willkür entsprungen zu sein so wie die aufgeschichteten Haufen aus Sand, Gipspulver und Sägemehl in ihren bizarren Formationen sich allein dem Zufall verdanken, mit der diese Materialien rieseln und fallen, abrutschen und sich – der Schwerkraft folgend – verschieben und zu neuen Formen verschmelzen.
In all dieser nur vorübergehenden Stabilität spürt man noch die Bewegung der Entstehung, und in den labilen Gebilden, die sich von einem Augenblick zum anderen verändern können, wird man Zeit und Vergänglichkeit gewiss. Karla Blacks künstliche Gestaltungen scheinen der Natur entsprungen zu sein – und zeigen doch nur die gefrorene Zeit. (Friedrich J. Bröder)

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