Kultur

Das österreichische Tanzkollektiv The Loose Collective mit ihrer Performance Here Comes The Crook. (Foto: Joint Adventures/Johannes Gellner)

16.08.2013

Derwische des 21. Jahrhunderts

Performance-Kunst: Walter Heun war mit der „Tanzwerkstatt Europa“ in München zu Gast

Seine Münchner Tanzwerkstatt Europa (TWE), seit 1991 Rettungsanker im kulturdünnen August, versteht Joint Adventures-Chef Walter Heun nicht eigentlich als Festival. Und tatsächlich ist die TWE mit den parallel laufenden Stil- und Technik-Workshops, zu denen Tänzer, Tanzstudenten und Laien aus allen Erdteilen anreisen, eher ein großes Tanz-Treffen. In den meist ausverkauften Vorstellungen sitzen Münchner, aber eben auch die auswärtigen Workshop-Teilnehmer. So entsteht für zehn Tage eine enthusiastische, sich rege austauschende internationale Tanzgemeinde. Und was könnte für den zeitgenössischen Tanz förderlicher sein? Über die Workshops kann, muss Heun aber auch einen Teil seiner TWE finanzieren. Denn die Subvention der Stadt München ist nicht gerade üppig: Von einst 165 000 Euro schmolz sie allmählich herunter auf jetzt nur noch 100 000 Euro. Mit der städtischen Dance Biennale (die nächste 2015) kann Heuns private Veranstaltungsinitiative also nicht konkurrieren. Was auch nicht ihr Ziel ist. Dennoch konnte Heun auch diesmal wieder neue Tendenzen vorstellen.

Zeitgenössisches Musical

Seit spätestens Ende der 70er Jahre versucht der zeitgenössische Tanz, in Grenzgängen hin zu Theater, zu bildender Kunst und Multimedia seine Grenzen auszuweiten. Zum TWE-Auftakt sah man nun mit Here comes the Crook (Hier kommt der Schurke) der österreichischen Gruppe The Loose Collective zum ersten Mal den Versuch eines zeitgenössischen Musicals. Ausgangsmaterial des Kollektivs aus Choreographen, Performern und Musikern war das als Ur-Musical geltende The Black Crook aus dem Jahr 1866. Am Fauststoff orientiert, ist es eine Geschichte um unglücklich Liebende, um Bösewichte, Hexen und den Teufel, vom Kollektiv komponiert aus erzähltem Text und eher sehr schlanken Einfällen in Musik und Choreographie. Noch sehen wir da lieber ein kommerziell, aber schnittig gemachtes Musical, mit Topstimmen und Topdance. Immerhin wurde gewagt, ein Ur-Genre auf eine zeitgenössische Ebene zu stemmen.

Es ist eben nicht so leicht, den zeitgenössischen Tanz zu erneuern. Damit kämpfen die Künstler selbst, aber auch die Veranstalter. So werden Festival-Programme aufgefüllt mit sogenannten Lecture Concerts (Spar-Budgets spielen dabei ebenfalls eine Rolle), Spezialtummelplatz des seit zehn Jahren für bisher sechs Sprach/Schreit- oder Sprach/Sitz-Duette kooperierenden Duos Jonathan Burrows und Matteo Fargion. Der Ex-Royal Ballet-Solist und Modern Dance-Choreograph und der italienische Komponist, zum dritten Mal zu Gast bei der TWE, taten diesmal kund, welche Künstler und welche Werke sie bis heute inspiriert und geprägt haben. Sehenswert waren da vor allem Ausschnitte aus alten Filmaufnahmen, aus einem Tadeusz-Kantor-Stück zum Beispiel, aus einem Pasolini-Streifen und aus Bronislawa Nijinskas Strawinsky-Ballett Les Noces von 1923. Aber die 60-Minuten-Lecture, wenn auch sympathisch serviert, erschlägt einen letztlich doch mit einer Lawine von kurz angerissenen Fakten und Namen quer durch die jüngere Kulturgeschichte.

Zeitgenössischer Tanz heißt: ausprobieren, Nischen suchen, riskieren. Da ist nicht alles perfekt. Aber aber immer wieder gelingt auch etwas. Wie bei dem Niederländer Jefta van Dinther. Grind nennt er sein Solo: „Schinderei“. Und er robbt über den Boden, schlägt autistisch wiederholt mit dem Rücken gegen eine Wand, zerrt und schleppt ein Endloskabel heran. Alle Bewegung in einem wie elektrisch geladenen, repetitiven Rhythmus. David Kiers’ in Klang und Rhythmus die Nerven reibender Soundtrack peitscht ihn an. Das Dunkel, das Grauschimmrige, Halbschattige von Lichtkünstlerin Minna Tiikainen verschluckt ihn, gibt ihn unscharf preis, umzuckt ihn mit Lichtblitzen und -schleifen. Ein Solo als Metapher auf den freiwilligen Arbeitssklaven unseres Stresszeitalters und zugleich auf die allgegenwärtige Reizüberflutung – das bleibt im Hirn haften.

Die Performance Le Cri von der in Frankreich lebenden Algerierin Nacera Belaza mag in ihrer Kargheit nicht jedermanns Geschmack sein. Aber auf Belazas biographischem Hintergrund formuliert sich in diesem mit ihrer Schwester getanzten Duett eine starke persönliche Aussage: dieser „Schrei“ ist eine Befreiung von dem frühen elterlichen Tanzverbot – ist letztlich die Selbstbehauptung einer Autodidaktin. Während englischer Popsong gegen arabische Allah-beschwörende Klänge ankämpft oder umgekehrt (Belazas Zwiespalt zwischen zwei Kulturen), schwingen die beiden, Derwische des 21. Jahrhunderts, immer nur Oberkörper und Arme im Halbkreis, den Blick nach innen gewendet. Bis sie, ein kurzes Mal nur, in wild zuckende Bewegung ausbrechen und am Ende in einer Videoprojektion als virtuelle Körper völlig überdrehen.

Mit der knappen städtischen Unterstützung sieht Walter Heun jetzt eine Fortsetzung der Tanzwerkstatt gefährdet. Heun, der auch Chef des Tanzquartiers Wien ist, ist andernorts bereits als Festival-Leiter angefragt. Will München denn wirklich dieses kreative Unternehmen einfach versanden lassen? (Katrin Stegmeier)

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