Kultur

Für Kaiser Heinrich II. war dieser Ort der Nabel der Welt – heute ist der Domplatz das Zentrum des Unesco-Weltkulturerbes. Millionen Gäste strömen hinauf zum Kaiserdom – aber zu wenige besuchen auch die angrenzenden historischen Häuser. Die augenfälligere Erschließung des Areals ist nun Aufgabe der Domplatzkoordinatorin. (Foto: Stadt Bamberg)

24.05.2013

Die Besucher-Managerin

In Bamberg will Birgit Kastner dafür sorgen, dass Millionen Gäste am Domplatz auch die Schätze hinter den Fassaden besuchen

Der Weg hinauf kann ein Gefühl von Demut erfahrbar machen: Stufe um Stufe, die man sich am Katzenberg zum Bamberger Domplatz empor schleppt, ragt der Kaiserdom immer höher und mächtiger über einem auf – und man kommt sich immer winziger, unbedeutender vor. Endgültig einem Bußgang gleicht die Überquerung des Platzes, es empfiehlt sich ein fürbittendes Stoßgebet. Nicht nur wegen der Autos und Busse, die dort die Fußgängerpfade kreuzen, sondern wegen des Belags: Pflastersteine über Pflastersteine, aus vielen Jahrhunderten, mit verschiedenen Wölbungen, unterschiedlich verlegt ... Ein Balanceakt. Nur der Insider kennt die einigermaßen bequeme Regenrinne entlang der Residenz und eine Rollstuhlfahrer-Rinne am Dom entlang zum rückwärtigen behindertengerechten Eingang des Doms.
6,5 Millionen Tagestouristen (560 000 Übernachtungen) kommen alljährlich nach Bamberg – man darf davon ausgehen, dass die allermeisten von ihnen fast zwangsläufig den Weg zum Domberg einschlagen: Dort oben ist das Zentrum des Weltkulturerbes, gar der „Nabel der Welt“ für Kaiser Heinrich II. im 11. Jahrhundert.
Millionen von Gästen aus aller Herren Länder – aber nur ein Bruchteil davon flaniert nach dem Besuch der weltberühmten Kathedrale über den Domplatz, geht mal durch das eine oder andere Portal und in eine der anderen Kultureinrichtungen.
Gut, die Staatsbibliothek spielt eine Sonderrolle: Sie ist als Forschungsbibliothek explizit kein Museum, hat aber doch Schätze auch musealer Qualität und arrangiert in der Regel zwei große Ausstellungen pro Jahr. Und in der Eingangshalle sieht man immer wieder auch Touristen in der virtuellen Handschriftenbibliothek „blättern“, ist das doch die einmalige Chance, die ansonsten im schützenden Tresor gehüteten Prachthandschriften (auch UNESCO-Weltdokumentenerbe) aus dem Heinrichsvermächtnis in exzellenter Wiedergabe zu betrachten. Statistiken zu diesen Besuchern werden aber nicht geführt.
Es betrifft mehr die Museen und die Neue Residenz mit der Staatsgalerie. Dort sind in einzigartiger Dichte hochrangige Kunstwerke versammelt, dort stellt man die interessantesten, spektakulärsten Ausstellungen auf die Beine – aber von Publikumsandrang ist nicht gerade zu sprechen. Die Neue Residenz mit ihren Prunkräumen und der Staatsgalerie zählte im vergangenen Jahr fast 32 500 Besucher, ins Diözesanmuseum kamen 45 000 und ins Historische Museum in der Alten Hofhaltung 20 000 (im Winter nicht geöffnet). Für sich genommen ganz ansehnliche Zahlen – gemessen an den Tourismuszahlen der Regnitzstadt aber bei weitem zu wenig.

Gemeinsame Sache machen

Am Pflaster allein kann es nicht liegen. Einig sind sich die drei Träger der Kultureinrichtungen rund um den Platz, der Freistaat, die Kirche und die Stadt, dass etwas dagegen getan werden muss, dass „jeder seinen eigenen Stiefel macht“, so Birgit Kastner. Freilich machen die Institutionen schon seit längerem gemeinsame Sache – etwa bei den Ausstellungen anlässlich der Gedenkjahre zur Königskrönung Heinrichs II. 2002, zur Säkularisation 2003, zur Bistumsgründung 2007 und zur Domweihe 2012. Aber dieses Miteinander soll noch intensiver und augenfälliger werden und die öffentliche Wirksamkeit der fünf Institutionen überhaupt optimiert, sagt Stabi-Chef Werner Taegert. Zur Willensbekundung formierte sich im Herbst 2011 eine Arbeitsgemeinschaft. Im vergangenen Jahr wurde die Dachmarke „Domberg – Museen um den Bamberger Dom“ aus der Taufe gehoben und die Website www.domberg-bamberg.de eingerichtet. Und seit wenigen Tagen gibt es eine „Dombergkoordinatorin“.
Bündeln, vorantreiben, institutionalisieren: Das sind grob die Schlagwörter, mit denen Birgit Kastner ihre neu geschaffene Stelle umreißt. Vielleicht sind es ja gerade ihre Erfahrungen im Kulturtourismus und als Geschäftsführerin des Bundes Deutscher Innenarchitekten, die die promovierte Kunsthistorikerin (Fachgebiet sakrale Architektur und Denkmalschutz heute) vom Domplatz marketingmäßig als „Schaufenster der Geschichte“ sprechen lassen. Denn genau darum geht es: „Ich kümmere mich um die Wahrnehmbarkeit der Schätze hinter den Fassaden.“ Genauso selbstverständlich wie der Weg zum Dom, sollen künftig auch die Wege kreuz und quer über den Platz zu den anderen Einrichtungen führen – am besten mit einer zuvor online organisierten „Domberg-Card“ in der Hand, die es bald geben wird.
Den Raum erlebbarer machen, ist eine Frage der inneren und äußeren Infrastruktur: „Vieles, was jede Einrichtung für sich auf die Beine stellt, lässt sich thematisch nach außen hin noch besser vernetzen, die Synergien über den Platz hinweg können noch schlagkräftiger koordiniert werden.“ Birgit Kastner denkt dabei nicht nur an auswärtige Gäste, sondern auch an die Bamberger selbst: „Da gibt es bei der Museumspädagogik für Kinder und Jugendliche noch einiges zu tun. Und nicht vergessen darf man die Einheimischen, für die der Domplatz gerade in der Nicht-Urlaubszeit, also vor allem im Winter, vieles zu bieten hat.“
Die äußere Wahrnehmung: „Bislang ist die Beschilderung noch sehr heterogen, es fehlt das einheitliche Leitbild für den Platz“, sagt Birgit Kastner. Die Verpackung muss stimmen – das Schaufenster will werbewirksam beleuchtet sein: Ein Farbleitsystem ist bereits erarbeitet, es wird sich künftig auf einheitlich gestalteten Info-Stelen mit gemeinsamer Dachmarke rund um den Platz wiederfinden. Ein Info-Tisch mit entsprechend farbig gestalteter 3-D-Ansicht des Dombergs und dem, was hinter den Fassaden zu entdecken ist, wurde bereits aufgestellt – gleich am Katzenberg-Aufgang, wo man geradezu darüber stolpern muss.

Bis auf Kante ausgelastet

Vielleicht wird dieser Plan eines Tages auch in Sachen gastronomisches Angebot aktualisiert: Am ganzen Domplatz gibt es derzeit nämlich nur eine einzige Restauration, jene im Rosengarten der Residenz. Der Wille ist da – nicht aber der Platz: „Die historischen Häuser sind bis auf Kante ausgelastet“, lautet Birgit Kastners momentane Bilanz – die sie freilich nach wenigen Tagen im Amt noch nicht als endgültige akzeptiert; sie will gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft weitersuchen, es sei „eine ihrer spannenden Aufgaben“.
Eine andere, die vor allem Überzeugungsvermögen und Hartnäckigkeit verlangt, ist die Suche nach „Freunden, Förderern und Drittmitteln“: Die Stelle der Domkoordinatorin (Teilzeit) und die Etablierung der Initiative Domberg lässt sich das Wissenschaftsministerium 100 000 Euro kosten – verstanden als Starthilfe. Ab Ende 2014 soll sich das Projekt selbst tragen.
Birgit Kastners To-do-Liste ist lang – die Domkoordinatorin führt aber auch eine persönliche Wunschliste. Und auf der steht – vielleicht aus ihrer täglichen Erfahrung beim Gang über den Domplatz zu ihrem Büro in der Alten Hofhaltung geboren – ganz oben: „Ich wünsche mir, dass der Platz auch ein gemütlicher Genuss- und Verweilort wird. Ganz toll wäre es, wenn es dort wenigstens im Sommer eine kunst- und designorientierte Möblierung gebe, wie zum Beispiel im Wiener Museumsquartier.“
(Karin Dütsch)

Abbildungen:

Wie eine kolorierte Lithografie (1821) von Eugen Neureuther zeigt, war der Domplatz auch früher nur gepflastert.  (Foto: Staatsbibliothek Bamberg/Gerald Raab)

Domkoordinatorin Birgit Kastner ist gebürtige Bayreutherin, die nach Stationen in Würzburg und Köln seit 2007 in Bamberg lebt.  (Foto: privat)
 

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