Kultur

Inzwischen ist das Haus komplett renoviert. (Foto: SZ Photo)

28.09.2012

Die Freude am Provozieren

Die Münchner Kammerspiele werden 100 Jahre alt

Ein ganzes Jahr lang wollen die Münchner Kammerspiele ihr hundertjähriges Bestehen feiern. Am 11. Oktober 1912 war ein Theater mit diesem Namen im Hinterhof der Augustenstraße 89 eröffnet worden. Gründungsdirektor Dr. Eugen Robert, ein Jurist, der zuvor das Hebbel-Theater in Berlin geleitet hatte, inszenierte ein expressionistisches Stück des russischen Dichters, Anwalts und Gerichtsreporters Leonid Andrejew, Das Leben des Menschen, das vom Publikum ebenso begeistert aufgenommen wurde wie etwa von der Münchner Post, der Parteizeitung der SPD, die „Mut und künstlerischen Ernst gar nicht genug loben“ konnte.
Zuvor nämlich war in demselben Tonnengewölbe eher leichte Kost geboten worden. Was schon die wechselnden Namen des1906 gegründeten Vorstadt-Theaters suggerierten: „Lustspielhaus“, „Universum“ und – wegen eben dieser Bezeichnung war es zum Krach mit dem Stückeschreiber Heinrich Mann gekommen –„Zum Großen Wurstel“.
Dieses Haus war, die Singspielhallen und Brettl nicht mitgezählt, das achte Theater im München der goldenen Epoche, die mit dem Tod des Prinzregenten Luitpold im Dezember 1912 langsam und mit dem Ersten Weltkrieg endgültig erlosch.
Auch mit dem Spielplan im künstlerisch führenden Schauspielhaus, das 1901 mit einer Tragödie von Sudermann ebenfalls in einem Hinterhof eröffnet hatte, waren die anspruchsvoll gewordenen Kulturbürger nicht mehr recht zufrieden. Der Naturalismus langweilte, auf allen Feldern der Kunst war der Expressionismus angesagt. „Ein Konkurrent muss herbei,“ forderte eine Zeitung.


Experimentelle Zeitkritik


Robert erschien als der Theatermann der Stunde. Schon im „Lustspielhaus“ hatte er mit Zeitkritik experimentiert, hatte provoziert und manche Leute schockiert. Ein Stück hieß schlicht Der Skandal. Sternheims Hose (es handelte sich um ein Höschen), das in Berlin erlaubt war, wurde ihm in München verboten.
Auf der nun also umbenannten Bühne – die jetzige Jubiläumsfeier gilt eigentlich nicht einem Geburtstag, sondern einem Tauftag – glaubte der Berliner Robert mit Unterstützung einer breiten liberalen Öffentlichkeit die Zensurgelüste der hiesigen Obrigkeiten unterlaufen zu können. Nach dem lukrativen Import aus Russland konnte er keinen Geringeren als den umhimmelten Frank Wedekind von der Maximilianstraße weglocken. Dieser lieferte sein neues Stück Franziska, eine Travestie auf den Faust. Wedekind selbst und seine Frau Tilly übernahmen die Hauptrollen, die Tochter eines ermordeten spanischen Politikers tanzte, das „moderne Mysterium“ wurde 25 Mal gespielt.
Sodann begaben sich die Münchner Kammerspiele, im Verein mit dem Simplicissimus und etlichen Kabaretts, in den Kulturkampf gegen die in Bayern herrschende Zentrumspartei und andere Schutzheilige. In Ludwig Thomas Säuglingsheim, das den konfessionellen Proporz bloßstellte, traten die Darsteller von Politikern in Masken der Originale auf.
Endgültig verscherzte sich Robert die Zurückhaltung der Zensoren und eines Teils des Publikums durch Max Dreyers Schmerzspiel aus alten Tagen. Erstmals wurde im Saal gezischt. Der Direktor sollte seinen Abtritt von der Münchner Bühne noch vor dem Ende seiner ersten Spielzeit erleben. Am 18. April 1913 verkündete der Aufsichtsrat der Theatergesellschaft, in der die Industriewerke München-Nord das Sagen hatten, dass Dr. Ernst Robert seines Amtes enthoben sei und bei Meidung einer Geldstrafe bis 1500 Mark oder sechs Monaten Haft sein Theater nicht mehr betreten darf. Pächter Robert musste ein Fenster einschlagen, um noch einmal in sein Büro zu kommen. Gründe wollte der Hop-fengroßhändler Fromm als Sprecher der Theatereigner der Öffentlichkeit nicht nennen. Erst im Verlauf langwieriger zivilrechtlicher Auseinandersetzungen wurde bekannt, dass Robert durch den Zusammenbruch des Hebbel-Theaters einen persönlichen Schul-denberg von 300 000 Mark angehäuft hatte. Außerdem wurde ihm angekreidet, dass er der von ihm verehrten Schauspielerin Ida Roland einen Vorschuss von 3100 Mark aus der Tageskasse gegeben habe. Immerhin konnte er seine Bühnenarbeit in Wien und wieder in Berlin mit Erfolg fortsetzen.
Das Ensemble trat zunächst in Streik, arrangierte sich aber bald mit dem neu bestallten, durchaus modernen Direktor Erich Ziegel. Die Leitung der Münchner Kammerspiele ging dann durch mehrere Hände – bis 1914 der vielseitige Otto Falckenberg zum Spielleiter berufen wurde. Der Sohn eines Musikalienhändlers hatte 1901 das literarische Kabarett „Elf Scharfrichter“ mitgegründet und selbst schon erfolgreiche Theaterstücke geschrieben. In nicht weniger als 30 Jahren konnte er – als Dramaturg, Regisseur, künstlerischer Leiter und von 1939 bis 1944 als Intendant – die Münchner Kammerspiele an der Spitze des deutschsprechenden Theaters etablieren (und eine der wichtigsten Schauspielschulen hinterlassen).
Nach dem Ersten Weltkrieg war das Neue Schauspielhaus in der Maximilianstraße in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, weil elf Prozent der Einnahmen laut Pachtvertrag an die Familie des ehemaligen Likörfabrikanten und eigentlichen Theater-Gründers Dr. Carl Riemerschmid gingen. Erst 1926, als die Kammerspiele das eher schäbige Bahnhofsviertel verließen und in der feineren Maximilianstraße einzogen, kam die von Carls Sohn Richard Riemerschmid in feinstem floristischen Jugendstil gestaltete Schau-Bühne wieder zur Blüte. Das fusionierte, von Falckenberg genial geleitete Unternehmen nahm den Namen an, den es trotz seiner Langatmigkeit bis heute behalten hat: „Münchner Kammerspiele im Schauspielhaus“. Neuerdings nennt es sich ja ganz knapp „MK“.


Chronische Finanznot


Große Namen der Schauspielkunst schmückten die allzeit anspruchsvollen Spielpläne; um nur einige zu nennen: Elisabeth Bergner, Elisabeth Flickenschild, Therese Giehse, Marianne Hoppe, Ernst Ginsberg, O.E. Hasse, Hans Domin, Heinz Rühmann. Dramaturgen waren Lion Feuchtwanger und Bert Brecht, der auch als Regisseur und Hausautor arbeitete. Die Übernahme durch die Stadt München rettete 1933 das in chronischer Finanznot befindliche Reform- und Renommiertheater.
Jetzt aber wollten die Nazis den ihnen verhassten Jugendstil eliminieren. Sie begannen mit dem Übertünchen, gottlob verhinderte der Krieg die endgültige Zerstörung. Schauspieler und Techniker retteten das Bühnenhaus vor den Brandbomben. Einer der Publikumslieblinge kam bei einem Luftangriff ums Leben. Falckenberg, der sich mit den Nazis nie gemein gemacht hatte, trat erst 1944 von der Bühne ab.
Schon unmittelbar nach Kriegsende boten die Münchner Kammerspiele einem geistig ausgehungerten Publikum gute Nahrung. Der Autor dieses Textes erinnert sich an wahre Sternstunden des Theaters: So inszenierte Erich Engel zusammen mit Bert Brecht dessen Dreigroschenoper mit Hans Albers in der Hauptrolle, und nach der Premiere von Des Teufels General konnte mit dem Dichter Carl Zuckmayer heftig diskutiert werden. Auch die wenigen Stücke, die Erich Kästner schrieb, fanden hier eine Bühne.
Die Intendanten Hans Schweikart, August Everding, Hans-Reinhardt Müller, Dieter Dorn und Frank Baumbauer setzten die Linie eines wagemutigen Gegenwarttheaters (nicht immer unter Beifall) konsequent fort. So wurden in den unruhigen 1960er Jahren politische Stücke wie Die Ermittlung und Vietnam Diskurs gespielt, wobei es einmal zu einer von Hans Clarin angeführten Demonstration der Schauspieler kam. In Sonntags-Matineen diskutierten große Geister unserer Zeit über Gott und die Welt.
Anfang der 1970er Jahre wurde das Haus von Reinhard Riemerschmid, einem Neffen des Erbauers, im Originalstil vollkommen neu gestaltet. Im Jahr 2000 haben Wiener Architekten die teilweise marode Bausubstanz samt veralteter Technik gründlich überarbeitet. Und vier Wochen vor Beginn der neuen, festlichen Spielzeit am 29. September 2012 wurden Feuerwehr und hauseigene Techniker noch einmal vor die Probe gestellt: Aus der Brandschutzanlage strömten 5000 Liter Wasser und überfluteten die Unterbühne einen halben Meter hoch.
Weitere bespielbare Räume und Häuser ringsum sind inzwischen hinzugekommen. Im so genannten Neuen Haus, das durch eine hohe Brücke mit dem Schauspielhaus verbunden ist, scheut man kein noch so kühnes Experiment. Geboten wurden da in den letzten Jahren zum Beispiel eine philosophische Nachtakademie sowie stadtbezogene Projekte, die großenteils draußen auf offener Straße nach Art einer barocken Wanderbühne dargestellt wurden. Auf neue Autoren, auf internationale und intermediale Performance wird hoher Wert gelegt.
Derzeit verfügen die Kammerspiele im Schauspielhaus über ein Ensemble von etwa dreißig Schauspielern, die während einer Spielzeit in etwa dreißig verschiedenen Stücken an drei verschiedenen Spielstätten agieren. Der 2010 aus Holland angeworbene Johan Simons sieht sich sowohl als Intendant wie als Regisseur ausdrücklich „verpflichtet, Risiken einzugehen“. In einer silberglänzenden Festschrift mit dem Titel 100 Jahre MK präsentieren sich die Münchner Kammerspiele als ein ästhetisch innovatives, zeitgenössisches und weltoffenes europäisches Stadt-Theater, das gesell-schaftspolitisch ausgerichtet ist.
Mit diesem vielseitigen Anspruch beginnt das eigentliche Jubiläumsprogramm am 11. Oktober mit vier Festtagen voller Erinnerungen. Zuschauer dürfen über erlebtes Bühnengeschehen erzählen, Studierende sollen die Geschichte des Hauses recherchieren und multimedial aufbereiten, veranstaltet werden eine Lese-nacht und eine Tanznacht. Auch ausgestellte Requisiten (beispielsweise der Planwagen von Mutter Courage), Kostüme und Archivalien sollen an große Aufführungen erinnern. Einige jener Inszenierungen, die Theatergeschichte gemacht haben, sollen sogar „rekonstruiert“ werden: Wedekinds Franziska sowie Stücke von Marieluise Fleißer und Franz Xaver Kroetz.
Insgesamt sind in den drei Häusern sowie im „Stadtraum“ zwanzig Premieren geplant, darunter natürlich auch Uraufführungen. Schon für Oktober richtet Simons ein Auftragsstück von Elfriede Jelinek ein, das die „Schaufensterkultur“ der heutigen Maximilianstraße zum Inhalt hat. Am 14. Oktober sollen tausend Münchner Bürger über den Zustand der Stadtgesellschaft diskutieren – an hundert Tischen mitten auf der Maximilianstraße, die sich „immer mehr zur gigantischen Luxusboutique verwandelt“, so heißt es im Programm – provokativ wie immer.
(Karl Stankiewitz)

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