Kultur

Franz Marc ging es darum, die Natur, das Tier intuitiv zu verstehen. Hier seine Aquarellzeichnung einer liegenden Hyäne (oder eines Wolfes, 1913) (Foto: Franz Marc Museum)

14.10.2011

Die Suche nach den großen Chiffren

In einer Sonderausstellung in Kochel zeigen sich verblüffende Parallelen zwischen Franz Marc und Joseph Beuys

Man hätte in der Welt des Joseph Beuys kein Wasserfloh gewesen sein mögen. Da hatte der Mann eine Liste der Partei der Tiere aufgestellt, Halbaffen etwa, Kurzschnabelgänse und Heringe, sogar Leuchtkäfer und Mücken – aber die Wasserflöhe, die hat er wieder durchgestrichen. Mutmaßlich ist das ein kleiner ironischer Wink im nicht gänzlich ironiefreien Schaffen eines der einflussreichsten Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – von wegen politischem Renegatentum: Die Wasserflöhe hatten es ja selbst bei den Grünen nie leicht.
Besagte Liste und Beuys’ Bestreben, seine Kunst und seine politischen und philosophischen Überzeugungen möglichst deckungsgleich vors Publikum zu bringen, sind jetzt in der relativ kleinen, aber sehr feinen und feinsinnigen Ausstellung Franz Marc und Joseph Beuys – Im Einklang mit der Natur im Franz Marc Museum in Kochel am See zu betrachten. Dort geht es nicht um die späteren spektakulären Werke des Meisters aus Krefeld, ausgestellt sind stattdessen seine frühen Zeichnungen aus den 50er Jahren. In denen jedoch ist die ganze gedankliche Stoßrichtung Beuys’ schon enthalten, die gesamte kreative Explosivität seines späteren Schaffens zudem.
Zu Beuys’ Frühwerken gesellen sich Arbeiten von Franz Marc – und so ist noch eine zweite, ausgesprochen verblüffende Deckungsgleichheit festzustellen: Die beiden Exponenten zweier unterschiedlicher Zeitalter gehen in ihren Darstellungsformen ähnliche Wege. Das wiederum liege, das ist die Kernthese der Ausstellung, in ihrem identischen Zugang zur Natur, der bei beiden gleichermaßen von der deutschen Romantik geprägt sei. Und tatsächlich erscheinen vor allem Tiere bei beiden als Antipoden zum materialistischen Denken des 20. Jahrhunderts; sie repräsentieren eine durch Empathie zu erreichende Sphäre reiner, erdverbundener Wesen, übernehmen mithin spirituelle Aufgaben und bilden den eigentlichen Wert des Lebens.
Ob Marcs Geschlachteter Stier aus dem Jahr 1907, der die Verletztlichkeit der Kreatur brutal vor Augen führt, ob Beuys’ regelrecht schamanistische Tierstudien, die wie Höhlenzeichnungen daherkommen: Zu erkennen ist bei beiden Künstlern eine Suche nach der „großen Chiffrenschrift“ in den Äußerungen der Natur. Die hat Novalis programmatisch vom Romantiker eingefordert in einem Zitat, das am Anfang der von sehr viel philosophischem Unterbau geprägten Schau in Kochel steht. Derlei Bemühen um Chiffrenfindung führt bei Zeichnungen Marcs und Beuys’ auch zu verblüffend identischen Ergebnissen im Versuch, eine Geometrie der Körper zu konstruieren.
Einen essentiellen Unterschied zwischen beiden gibt es allerdings doch: Während Marc noch Hoffnung hatte auf eine Wiedererholung der harmonischen Beziehung zwischen Mensch und Natur, ist sie bei Beuys zerbrochen. Seine in den 50er Jahren gezeichneten Tierskelette sind keine Studien – sie sind Menetekel. (Christian Muggenthaler)

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