Kultur

Der Schriftsteller Thomas Lang ist mehrfach ausgezeichnet, unter anderem erhielt der den Ingeborg-Bachmann-Preis und, den Bayerischen Staatsförderpreis für Literatur und den Literaturförderpreis der Stadt München. An der Ludwig-Maximilians-Universität München lehrt er kreatives Schreiben. (Foto: Peter von Felbert)

18.08.2016

Drama um einen Toten

Mit Unterstützung des Literaturportals Bayern schreibt der Münchener Schriftsteller und Ingeborg-Bachmann-Preisträger Thomas Lang einen interaktiven Roman – live im Netz

In der Literaturgeschichte haben sich Tradition und Experiment schon immer gegenseitig bedingt und befruchtet. So auch in dem faszinierenden Internetprojekt, das der Schriftsteller Thomas Lang in diesem Herbst beginnt: ein literarisches Online-Experiment mit dem Titel Der gefundene Tod - ein Netzroman, den der Leser selbst beeinflussen kann.

Das Projekt soll die seit Jahrhunderten als editorische Textstufen bezeichneten Entstehungsprozesse von Literatur in die digitale Gegenwart transportieren. Vorarbeiten, Entwürfe, Neufassungen – all das, was bisher hinter dem fertigen Buch verborgen blieb und allenfalls der Editionsphilologie vertraut war, kann im Netz sichtbar gemacht werden. Und nicht nur das: Es wird aus seiner Stieftöchterlichkeit befreit und selbst Teil des Werkes und der Lektüre.

Dem Autor zuschauen

Über den Zeitraum von sechs Monaten wird Thomas Lang einen Roman oder eine längere Erzählung schreiben – aber eben nicht abgeschottet im stillen Kämmerlein, sondern ganz offen im Netz. Die Leser rezipieren nicht mehr nur das fertige Textergebnis, sondern den gesamten kreativen Prozess, zum Beispiel indem der Autor Materialien seiner Entwürfe, Notizen und Recherchen zugänglich macht oder mehrere Textvarianten zur Debatte stellt.

Auf einer zweiten Textebene wird Thomas Lang zudem den Prozess des Schreibens selbst reflektieren und mit den Usern grundlegende Fragen zur Entstehung von Literatur diskutieren: Wie haucht man einer Figur Leben ein? Wie viel Wirklichkeit braucht die Fiktion? Wie findet man seinen eigenen Ton?

In real time mitmachen

So können die Leser jeden Fortschritt, jede Entwicklung und Veränderung in real time verfolgen, kommentieren, eigene Entwürfe beisteuern und das Werk im Austausch mit dem Autor beeinflussen.

Eine Gruppe von Schülern soll sogar eine eigene literarische Figur zur Ausgestaltung erhalten. Der Schriftsteller erweitert also ebenfalls seine Rolle; er agiert nun auch als Weber, als impulsgebender Teil eines kollektiven Kreativgeflechts.

In letzter Konsequenz setzt dieses Experiment spielerisch um, wovon Philosophie und Science-Fiction gleichermaßen seit langem träumen: Lesen und Schreiben als ein Vorgang. Der Literaturfreund schreibt den Roman mit – indem er ihn liest.

Dunkle Coming-of-age-Geschichte

Inhaltlich erzählt Der gefundene Tod eine Coming-of-age-Geschichte, aber eine der dunkleren Sorte. Sie handelt von einer unguten Art, erwachsen zu werden, von einem einschneidenden Erlebnis dreier jugendlicher Außenseiter. Diese finden beim Feiern einen Toten im Gleisbett – und malträtieren die Leiche mit Schlägen, brüsten sich damit in den sozialen Medien. Ihre Umwelt reagiert geschockt. Sie isoliert die Jugendlichen zunehmend und verschärft so die eigentlichen Probleme noch. Im Mittelpunkt steht das Mädchen Elle, das sich nach Zuneigung sehnt, aber auch nach moralischer Orientierung und der Anerkennung seiner Schuld.

Die unerwartete Konfrontation von Jugendlichen mit einem Toten macht Thomas Lang zum Ausgangspunkt einer komplexen Entwicklungs- und Gesellschaftsgeschichte. Zugleich knüpft er an jüngere, dokumentarisch belegte Fälle aus der deutschen Provinz an, die den Fokus jeweils nicht nur auf die individuellen Hintergründe der Beteiligten richten, sondern auch auf die sozialen Zusammenhänge, letztlich auf die Frage, was solche situativen Grenzverletzungen über unsere Gesellschaft und ihre Conditio Humana aussagen – und welche Menschlichkeiten hinter dem scheinbar inhumanen Verhalten verborgen sind.

Begehrtes Stipendium

Die ersten Vorschusslorbeeren gibt es bereits: Der Deutsche Literaturfonds e.V. fördert das Projekt mit einem seiner begehrten Autorenstipendien. Voraussichtlicher Startschuss im Netz ist der 1. September 2016.

Information: http://netzroman.thomaslang.net
Ab Ende August regelmäßiger Blog unter  https://www.literaturportal-bayern.de

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