Kultur

Ottheinrich war der erste Pfalzgraf in Neuburg, der sich dem Protestantismus anschloss. Hier ein Ausschnitt aus einem prächtigen Wirkteppich (1535), der den Renaissancefürsten zeigt (Foto: Hist. Verein, Neuburg a. d. Donau)

08.09.2017

Dramen um den wahren Glauben

Eine Ausstellung illustriert das Auf und Ab der Religionszugehörigkeit im kleinen Fürstentum Pfalz-Neuburg

Martin Luther in diesem Jahr allerorten! Vor 500 Jahren kam es zur Spaltung der Kirche. Viele Fürsten wandten sich dem neuen Glauben zu. Doch nicht alle wurden „luthrisch“ und einige Potentaten – und mit ihnen deren Untertanen – kehrten auf der Suche nach dem rechten Glauben wieder zum Katholizismus zurück. Ob aus innerer Überzeugung oder aus machtpolitischen Überlegungen sei dahingestellt.

Die Menschen im Fürstentum Pfalz-Neuburg traf es besonders hart: Sie mussten innerhalb eines Jahrhunderts die Konfession sechs Mal wechseln. Somit war die malerisch über der Donau gelegene Residenz von Neuburg der ideale Ort für eine Ausstellung zu 500 Jahren Reformation und 400 Jahren Gegenreformation.

Es ist übrigens deutschlandweit die einzige Schau, die sich eingehend auch mit der Gegenreformation beschäftigt im ansonsten an Ausstellungen und Veranstaltungen reichen Reformationsjubiläumsjahr.

Bedeutender Sakralbau

Die Neuburger Ausstellung FürstenMacht und wahrer Glaube beginnt bereits vor dem eigentlichen Rundgang in der evangelischen Schlosskapelle und endet in der katholischen Hofkirche. Letztere war zunächst mitsamt einem riesigen Rubens-Gemälde ebenfalls protestantisch geplant, dann aber als katholischer Kirchenbau vollendet worden.

Dazwischen wird die außergewöhnliche Geschichte mit ihren nationalen und internationalen Verflechtungen erzählt.

Ottheinrich, ein Renaissancefürst par excellence und erster Herrscher des 1505 gegründeten Fürstentums Pfalz-Neuburg, schloss sich nicht nur den Ideen Martin Luthers an, sondern ließ im Rahmen größerer Baumaßnahmen die Schlosskapelle als ersten Sakralraum für den protestantischen Ritus überhaupt erbauen. Unter Ottheinrichs Nachfolger Philipp Ludwig entwickelte sich das junge Fürstentum sogar zu einer Art „protestantischem Musterstaat“.

Doch mit Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm kam die konfessionelle Wende: Er konvertierte zum Entsetzen seiner Eltern zum Katholizismus, trat auf einem Gemälde die Confessio Augustana, die grundlegende Bekenntnisschrift der lutherischen Reichsstände, im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen. Auch seine Untertanen mussten zwangsläufig „dran glauben“. Die Jesuiten übernahmen die Führung.

Dazwischen gab es ein Auf und Ab konfessioneller Zugehörigkeiten, was teils heftige Auseinandersetzungen nach sich zog bis hin zum aufsehenerregenden „Kainsmord zu Neuburg“: Am 27. März 1546 ließ der katholisch gebliebene Spanier Alphonso Diaz seinen konvertierten Bruder Juan mithilfe eines gedungenen Mörders in Neuburg erschlagen, was auf Flugblättern aller Welt bekannt gemacht wurde.

In teils sonst nicht zugänglichen historischen Räumen, teils geschickt in die Dauerausstellung integriert, wird die mitunter dramatische Entwicklung anhand von über 150 hochkarätigen und äußerst glücklich gewählten Exponaten erzählt: Porträts und andere Gemälde, Skulpturen und Textilien, Originaldokumente und Druckwerke bis hin zu Silberschmiedearbeiten sowie goldenen Messkelchen und anderen Preziosen wie dem berühmten Reichsapfel des Winterkönigs Friedrich V. aus der Schatzkammer der Münchner Residenz.
Präsentiert werden die Exponate auf eleganten Seidentapeten mit kleinem Kreuzmuster: lila für die Katholiken, gelb für die Protestanten, wobei die geschichtliche Entwicklung häufig Farbverläufe verursachte. Den Weg weisen Leuchtkreuze auf vornehm-grauem Grund. Und auch die erfreulich lesbare Beschriftung soll nicht unerwähnt bleiben.

Eine Besonderheit dieser Ausstellung ist, dass man durch den ansonsten für die Allgemeinheit nicht zugänglichen Fürstengang der wechselvollen Geschichte folgt, bis man zum Schluss im Kirchenschiff der katholischen Hofkirche landet. Ein zugemauerter Durchgang wurde extra für die Ausstellung geöffnet.

Rubens-Reproduktion

Das von Peter Paul Rubens für die Hofkirche geschaffene Große Jüngste Gericht kehrte für die Ausstellung auch an seinen ursprünglichen Bestimmungsort zurück, wenngleich lediglich als Reproduktion. Maße von über sechs mal 4,6 Metern erlauben keinen Transport. Das Riesengemälde sollte seinerzeit die Kirchenbesucher vom „wahren Glauben“ überzeugen, doch erregte es durch seine vielen nackten Figuren mehr und mehr die Gemüter der Besucher und vor allem der jesuitischen Geistlichkeit. Das Bild wurde teilweise verhängt und landete schließlich auf Umwegen in der Münchner Pinakothek, die gewissermaßen um dieses Hauptwerk der Kunstgeschichte herumgebaut wurde. Dort ist das Original noch heute zu sehen. (Cornelia Oelwein)

Information: Bis 5. November. Schloss Neuburg a. d. Donau, Di. bis So. 9-18 Uhr.

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