Kultur

Die Gleise sind bereits demontiert: Wer in seinen Filmen das pittoreske Ambiente des aufgelassenen Nürnberger Südbahnhofs einfangen will, muss sich beeilen. Das Areal ist im Visier städtebaulicher Weiterentwicklung. (Foto: Björn Jensen/Ginger Foot Films)

31.05.2013

Drehorte mit Tiefgang

Der FilmFernsehFonds Bayern zeigt Filmschaffenden Areale in Nürnberg, die endlich mal andere Assoziationen wecken als Düsternis und Leid

Auf neue Ideen müssen Filmschaffende ständig kommen. Täglich gibt es neue Geschichten, Begebenheiten und Lebensläufe, die erzählt sein wollen. Bei der Suche nach Drehplätzen und Orten, die inspirieren, hilft seit zwölf Jahren der FilmFernsehFonds Bayern (FFF Bayern) mit Location Touren. Diesmal ist Nürnberg das Ziel – das Motto lautete Hafenstadt mit Großstadtblues und Tiefgang. Drehbuchautoren, Produzenten und andere Filmschaffende wurden jüngst zum Industriehafen der Frankenmetropole gelotst, zum aufgelassenen Areal des DB-Südbahnhofs, zum ehemaligen Quelle-Versandhaus und auch noch in die düsteren Tiefen des Felsenkellers am Paniersplatz.
Was diese Orte eint, ist ihre Düsternis, Schmuddeligkeit und bisweilen Arbeiterromantik – nicht aber „das Nürnberg, das man sowieso schon kennt“, wie Klaus Schaefer, Geschäftsführer des FFF sagt. Und Organisationspartner Bap Koller, Leiter von Media Welcome Services & Events, ergänzt: „Es sind Flecken, die ein Bürgermeister teilweise nicht gerne herzeigt. Es ist momentan viel im Wandel, und so manches könnte bald weg sein.“ Für die Filmemacher ist es also höchste Zeit, Nürnberg abseits der mittelalterlichen Innenstadt und der NS-Zeitzeugnisse kennen zu lernen.

Geheimpolizei ist schon da

Und so zeigt Harald Leupold, Geschäftsführer der Hafen Nürnberg-Roth GmbH, stolz „sein“ Gelände: Berge von Glasmüll und Kohle, geschredderte PKW-Reste, verlassene Gebäude, Containerterminals, riesige Radlader. Vor seinem inneren Auge laufen da schon Filme ab: Da stürzt sich jemand vom 60 Meter hohen Silo ins Wasser – dort leisten sich Verbrecher und Polizei eine spektakuläre Verfolgungsjagd ... Und dann gibt es dort ohnehin schon die „Geheimpolizei“, verrät er lächelnd, die man doch auch in Filme einbinden könnte: Das sind die Hafenangler, die jeden im Gelände genau kennen.
Walter Wudi schaut sich genau um. Er ist Produzent und Drehbuchautor (finearts Film und TV Produktion). Und tatsächlich: Er sieht lauter Tatort-Motive: Hafenleichen, Schieberbanden in Sachen Menschenhandel, Action-Stunts... Und natürlich Verfolgungsjagden. Das liegt natürlich an dem großzügigen Gelände, das „bespielt“ werden kann.
Das gilt auch für das Areal des ehemaligen Südbahnhofs. Mit Bauhelmen ausgestattet wandert die Gruppe über das aufgelassene Gelände: schauerliche Eisenbahnromantik mit Graffitis und Stacheldraht. Eine große Ladehalle – Staub in der Luft, Schmierereien an den Wänden, Glasscherben am Boden: Das wäre ein ideales Versteck für Drogendealer. Dort könnten auch Straßenkinder unterkriechen.
Die Gleise sind schon demontiert, die Stadt plant eine Weiterentwicklung des Geländes, schließlich macht der ehemalige Südbahnhof ein Zehntel der Gesamtfläche Nürnbergs aus. Wer dort drehen will, muss sich also beeilen. Die pittoreske Szenerie mit den heruntergekommenen Hallen und der verlassenen Tankstelle könnte schon bald Geschichte sein. Eine Produktionsfirma hat sich dieses Ambiente nicht entgehen lassen. Unterstützt unter anderem durch den FFF wurde dort Hanni und Nanni 2 gedreht.

Quelle wiederbeleben

Was es mit dem „Tiefgang“ zu tun hat, der ebenfalls zum Motto der Location Tour gehört, das erfahren die Filmschaffenden im Quelle-Versandhaus. Denn anders als die Angestellten einst, betritt die Gruppe das 260 000 Quadratmeter große Gebäude durch die Schächte der Heizanlage: ein verwinkeltes, enges und stickiges Gängewerk. Als Drehort ungeeignet, sind sich die Produzenten einig: Zu wenig Platz für die Crew, zu viele Stolperfallen. Tatsächlich hört man auch im Besuchertrupp hin und wieder ein Aufstöhnen und dezentes Fluchen: Mancher stößt sich den Kopf an, schrammt mit dem Knöchel entlang.
Verschnaufpause: Mittagessen in der Kantine. Ein Spitzenkoch hat diesen Gebäudeteil gemietet. Auch sonst steht vieles nicht mehr leer. Aber die großen Lagerhallen könnten allesamt noch genutzt werden. Hausmeister Georg Rühl führt durch die Gänge. 26 Jahre arbeitet er nun schon hier, er hat die Blütezeit und den Niedergang von Quelle erlebt. „Aber es sind eben neue Themen, neue Zeiten, neue Situationen“, und auf die muss man sich einstellen, sagt er. „Früher war hier halt was los. Aber man muss den Schalter umlegen können, man darf nicht hinterhertrauern.“
Und mit Dreharbeiten könnte auch bei Quelle bald wieder was los sein. Walter Wudi überlegt gleich, ob er nicht Arbeitsszenen aus einem geplanten Film dort spielen lassen könnte. Das Ambiente passt, auch wenn die Räume keine Büromöbel, die Lagerhallen keine Regale mehr haben. Die Ära Quelle ist trotzdem noch in vielen Perspektiven sichtbar.

Fantasy im Bunker

Ein weiterer Tiefgang: Der FFF führt die Gruppe weit hinein ins Erdreich, hinunter in die unergründliche Finsternis des Felsenkellers am Paniersplatz. Mit Taschenlampen leuchten die Besucher Gänge aus, werfen Lichtkegel in die Weiten des unterirdischen Labyrinths. Neben Kunstbunker und öffentlichen Teilen stößt man auch auf einen verputzten Teil, gefliest für die einstige Gauleitung. In nationalsozialistischer Zeit hingen auch Bilder an den Bunkerwänden – für die Verwaltung sollte es wohl ein „normales“ Arbeitsumfeld wie übertage sein. Die weit verzweigte Bunkeranlage ist öffentlich nicht zugänglich. Filmemacher haben dort ideale Bedingungen: „Es gibt keine Lampen, keine Kabel“, freut sich Walter Wudi. Vieles vom einstigen Zustand ist erhalten. Dabei ist man nicht einmal auf Kriegsthemen beschränkt, überlegt der Produzent. „Ich könnte mir hier auch gut etwas aus dem Fantasy-Bereich vorstellen, etwas für Kinder oder Jugendliche.“
Und das ist natürlich ganz im Sinne der Location Tour, die Nürnberg als Ort für Filmgeschichten abseits der gängigen Motive „Stadt von Dürer und Hans Sachs“ oder „Stadt der Reichsparteitage“ schmackhaft machen will.
(Maria Mercedes Hering)

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