Kultur

Die düstere Szenerie in diesem "Trovatore" lässt an den Splatterfilm "From Dusk till Dawn" denken. Auch wenn Anja Harteros als Leonora Jonas Kaufman (Manrico) an die Wand singt: Der Münchner Startenor kann in seinem Rollendebüt überzeugen. (Foto: Hösl)

05.07.2013

Düsterer Liebeshorror

"Il trovatore" in München ist zwar kein Höhenflug, aber das Traumpaar Jonas Kaufmann und Anja Harteros überzeugt wieder

Bekanntlich möchte Nikolaus Bachler als Intendant der Bayerischen Staatsoper das Mediterrane nach München tragen. Gelungen ist ihm das bislang nur eingeschränkt. Jedenfalls hat das Nationaltheater nicht wirklich eine glückliche Hand, wenn es um die Opern von Giuseppe Verdi geht. Zuletzt stocherte Dirigent Bertrand de Billy in der Partitur zu Simon Boccangera herum, ohne substanzielles Ergebnis. Und die Solisten pflegten einen Gesang, der mit vielem zu tun hatte – am wenigstens mit einer Verdischen „Italianità“.
So schlimm war es nun in Il trovatore nicht, ein Höhenflug ist aber auch nicht herausgekommen. Das Problem fängt mit Jonas Kaufmann (Manrico) und Anja Harteros (Leonora) an, die bereits im Münchner Lohengrin als Traumpaar zu erleben waren. Wie schon damals wurde auch diesmal Kaufmann von Harteros an die Wand gesungen. Es bleibt dabei: Kaufmanns äußerst baritonal gefärbter Tenor eignet sich nur schwer für das Italienische und Lyrische. Seltsam gaumig klingt mitunter seine Stimme, nicht selten zerbröselt das Piano. Dafür aber ließ Kaufmann in der Arie „Ah si ben mio“ einen todesdüsteren Gesang erwachsen, der absolut glaubwürdig wirkte – auch weil der Münchner über eine glänzende Bühnenpräsenz verfügt. Deswegen nimmt man ihm seine Darstellung des verzweifelt Liebenden und abgründig Leidenden voll und ganz ab, womit Kaufmann in seinem Rollendebüt insgesamt überzeugen kann.
Doch wie viel farben- und nuancenreicher vermag Anja Harteros Wort und Klang zu gestalten: Schwächen kennt diese Stimme nicht, was mit ihrem darstellerischen Talent zu einer Doppelkraft wird. Ihr Gesang und ihr Spiel fesseln und berauschen.
Dagegen hatte Regisseur Olivier Py sichtlich Probleme mit dem Stoff, der zugegebenermaßen nicht gerade der stärkste von Verdi ist. Im Grunde ist die Geschichte hanebüchen – mit Wendungen, die man diplomatisch als kühn bezeichnen kann. Man stelle sich nur vor: Zwei Männer, Manrico und der Graf von Luna (recht gewaltig: Alexey Markov), bekriegen sich wegen Leonora. Nachdem Manrico von Luna hingerichtet wurde, kommt heraus, dass Luna seinen eigenen Bruder töten ließ. Das erfährt er, kurz bevor der finale Vorhang fällt – und zwar von der Zigeunertochter Azucena (nicht minder kraftvoll: Elena Manistina). Sie hat wiederum in früheren Tagen Manrico entführt, als dieser ein Kind war, und großgezogen. Damit wollte sie ihre Mutter rächen, die als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden war. Unglücklicherweise hatte sie aber ihr eigenes Kind mit Manrico verwechselt und getötet. Mit der Hinrichtung von Manrico durch den eigenen Bruder ist der Tod der Mutter – wenn auch spät – gerächt.
Daraus hat der Franzose Py, der mit dieser Produktion an der Staatsoper debütierte, eine düstere Horrorshow gemacht. Zwar setzt er auf Psychologisierung, nicht aber auf Erklärungen. Wie ein Leit(d)-Motiv irrt die verbrannte Mutter Azucenas stumm durch die Szenen. Auch Bühne und Kostüme (Pierre-André Weitz) erinnern an den Splatterfilm From Dusk Till Dawn. Das alles fängt zweifellos eine umdüsterte Atmosphäre ein, wird aber nicht konsequent durchdrungen – auch weil Dirigent Paolo Carignani zu wenig an den Orchesterfarben feilt. Und dass Jonas Kaufmann in der Pause auf der Bühne in einem Zauberkasten zersägt wird, ist nett. Mehr aber auch nicht.  (Marco Frei)

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