Kultur

Vicco von Bülow alias Loriot mit einem seiner Knollennasenmännchen. Der Karikaturist, Schauspieler und Regisseur starb 87-jährig. (Foto: SZPhoto)

26.08.2011

Ein Denkmal im Pschyrembel? Ach was!

Zum Tod Victor von Bülows alias Loriot

Man kann sich vorstellen, wie Bernhard Victor Christoph-Carl von Bülow mit seiner fein- und hintersinnigen Ironie die Nachrufe auf sein Alter Ego Loriot durch den Kakao gezogen hätte: Allein des Vize-Kanzlers wohlfeile, ihm im Fernsehen nachgerufenen Worte wären in Loriots Diktion zur glänzenden Persiflage geworden und hätten den politischen Jargon Westerwelles zur Lachnummer gemacht, von Ministerpräsident Seehofers vorgestanzter Würdigung oder Kanzlerin Merkels präsidialen Platitüden ganz zu schweigen.
Aber Vicco von Bülow, der sich, dem Wappenvogel seiner preußischen Adelsfamilie getreu, zwar nicht Pirol nannte, sondern in aristokratischer Manier der lateinischen (Oriolus oriolus) bzw. daraus abgeleiteten französischen (loriot) Version folgend das Berufspseudonym Loriot zulegte – Vicco von Bülow also kann sich mit seinem spitzbübischen Schmunzeln darüber nicht mehr lustig machen: Der Wahl-Bayer aus Preußen starb, 87 Jahre alt, am 22. August in Ammerland am Starnberger See.
In die Geschichte des deutschen Nachkriegshumors ist er – nicht nur mit seinem hingeschnodderten Running Gag „Ach was!?“ längst eingegangen, hat mit seinen von ihm kreierten, persiflierten und parodierten „Archetypen des Bundesrepublikaners“ den Kult-Status des Komikers erreicht, darin vergleichbar nur noch Heinz Erhardt. Als Vicco von Bülow ernstlich gefragt, wie er denn den „Humoristen“ und den "Komiker“ definiere, antwortete er lapidar als Loriot: „Ich bin für beides!“, nicht ohne hinzuzufügen: „Humor hält nicht jung, aber wach!“
Seine kultivierte Komödiantik entsprang einem distinguierten, seigneuralen Stil, von dem man nie wusste, ob er seiner preußischen Provenienz geschuldet oder nur als berufsmäßiges Outfit gespielt war. Seine brandenburgisch-preußische Herkunft verlieh Loriot aber eine, fast möchte man sagen aristokratische Unnahbarkeit, die es ihm wiederum erlaubte, seine Figuren die dümmlichsten Banalitäten und peinlichsten Trivialitäten ausstellen zu lassen, Tragödien des Alltags, die im Chaos, in Katastrophen, im Anarchismus enden, nicht selten hart am Rande des Klamauks und des Kalauers: ein Überzeichner in des Wortes doppelter Bedeutung, der so überzog, dass der in der Wolle gefärbte deutsche Kleinbürger, der Spießer sich ungewollt zu Beckettscher Größe aufschwingen konnte, um krachend in der Absurdität Karl Valentins zu landen.
Wie Wilhelm Busch strichelte der Zeichner Loriot sein menschlich-animalisches Bestiarium so genial genau hin, dass diese Karikaturen und Comics ihre Stärke aus bloßgestellten Schwächen bezogen, wie sie sich schon an einer am Mund hängengebliebenen Nudel oder an zwei ungewollt in einer Badewanne aufeinander treffenden Männern niederschlugen.
Wie überhaupt Missverständnisse in der zwischenmenschlichen Kommunikation, vor allem bei Mann und Frau, Loriot den Anlass lieferten, in seinen vor allem im Fernsehen reüssierenden Sketchen die Aporien ehelicher, vor-ehelicher und nicht-ehelicher Beziehungen oft mit drastischen, ja derben Mitteln zu demonstrieren.
Dass man Loriot ausgerechnet in einem medizinischen Wörterbuch ein Denkmal setzte, mag man als eine (von ihm selbst verursachte) Ironie des Schicksals deuten: Die Steinlaus, die er in einer seiner besten, auf den Zoologen und TV-Moderator Bernhard Grzimek (Ein Platz für Tiere) gemünzten Parodien pseudowissenschaftlich virtuell aus dem Ärmel schüttelte, wurde in Text und Bild in den Pschyrembel eingeschmuggelt – und verewigt ungenannt Vicco von Bülow, genannt Loriot. (Friedrich J. Bröder)

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