Kultur

22.07.2011

Ein großer Wurf?

Schostakowitsch-Zyklus mit Valery Gergiev – aber ohne Mariss Jansons

Wenn der Kulturreferent der Landeshauptstadt München vor Journalisten den Dirigenten Valery Gergiev aus St. Petersburg als „den“ Experten für die Musik von Dmitri Schostakowitsch bezeichnet, dann ist das suboptimal. Diplomatisch ausgedrückt. Denn eigentlich müsste Hans-Georg Küppers wissen, dass mit Mariss Jansons ein Dirigent in München wirkt, der den gleichen Ruf hat. Mindestens. Die Gesamtaufnahme aller Sinfonien des russisch-sowjetischen Komponisten, die Jansons unter anderem mit dem Sinfonieorchester und dem Chor des BR, deren Chefdirigent er seit 2003 ist) realisiert hat, wurde zu Recht mehrfach ausgezeichnet.
München ist also kein Tal der Ahnungslosen, wenn es um Schostakowitsch geht. Trotzdem wurde durchaus etwas Besonderes präsentiert: In der kommenden Saison wird Gergiev in München alle 15 Sinfonien von Schostakowitsch aufführen. Einen solchen Zyklus gab es in München noch nie – was peinlich genug ist.

Aufs Internationale setzen

Der Startschuss fällt am 2. November mit den Sinfonien Nr. 1 und 4. Beim großen Finale im Juli 2012 klingt der Zyklus mit den Sinfonien Nr. 11 und 15 aus. Ein Novum ist zudem, dass für dieses Projekt die Münchner Philharmoniker mit dem Orchester des Mariinski-Theaters in St. Petersburg kooperieren. Seit 1988 wirkt Gergiev dort als Künstlerischer Leiter. Wie Philharmoniker-Intendant Paul Müller und Valery Gergiev erklärten, wolle man diese Zusammenarbeit fortsetzen.
„Mit diesem Kooperationsprojekt zeigt sich die Musikmetropole München von ihrer besten Seite“, heißt es in einer Mitteilung. „Der Austausch der Münchner Philharmoniker mit dem Ensemble des Mariinski-Theaters verdeutlicht mit diesem Meilenstein unser Verständnis nachhaltiger internationaler Kulturarbeit, die weit über München hinaus Akzente setzt.“
Das tut sie so leider nicht. Schon in New York, London, Wien und St. Petersburg hat Gergiev einen Schostakowitsch-Zyklus realisiert – neu ist in München nur die Orchesterwahl.
Dass nicht auch Mariss Jansons und das benachbarte BR-Sinfonieorchester dabei sind, ist bedauerlich: Damit hätte man die internationale Aufmerksamkeit gewaltig gesteigert. Gleich drei Spitzenorchester hätten sich zu einem Thema präsentiert. Am Pult stünden zwei Schostakowitsch-Experten, die völlig andere Sichtweisen auf diese Musiken kultivieren. Gerade diese interpretatorische Reibung hätte das Projekt zu einer aufregenden Werkstatt gemacht, für die wohl Musikfreunde aus der ganzen Welt nach München gepilgert wären. So werden sie es nicht tun, zumindest nicht in dem Maße.
Und wenn sie kommen, werden sie sich wohl fragen: Wieso finden zwei Orchester aus München und St. Petersburg zusammen, während solche Kooperationen innerhalb Münchens offenbar nicht gelingen? Wo bleibt der Schostakowitsch-Experte Jansons, der hier in München vor Ort wirkt?

Blamage für die Musikstadt

„Jansons ist ein sehr teurer Freund von mir“, sagte Gergiev zu den Journalisten. „Ich verspreche, dass wir das mit ihm diskutieren werden, denn jedes Neujahr verbringen wir zusammen.“
Bis dahin werden sich die Besucher wundern – die Münchner freilich nicht. Denn das Problem ist bekannt. Schon 2006, als die Musikwelt den 100. Geburtstag von Schostakowitsch feierte, machte München keine glückliche Figur. Damals hatte einzig der BR ein Schostakowitsch-Fest ausgetüftelt. Leider blieb es weit hinter den Erwartungen und Potenzialen in der Stadt zurück. Von den Sinfonien erklangen damals nur die bekannteren. Der jetzige Zyklus kommt fünf Jahre zu spät.
Und die Blamage geht weiter: Vor vielen Jahrzehnten war Schostakowitschs geniale Erstlingsoper Die Nase in München das erste und letzte Mal zu sehen – als Gastspiel. Die zweite Oper Lady Macbeth von Mzensk dirigierte Mstislaw Rostropowitsch das letzte Mal vor elf Jahren im Prinzregententheater. Obwohl das Gärtnerplatz-Theater auch die leichte Muse pflegt, wurde hier noch nie Schostakowitschs skurrile Operette Moskau-Tscherjomuschki gezeigt. Das Filmmuseum könnte Streifen zeigen, zu denen Schostakowitsch die Musik geschrieben hat. Darunter sind legendäre Stummfilme wie Das neue Babylon und Allein oder die genialen Shakespeare-Verfilmungen von Grigori Kosinzew. Auch die Ballette bleiben ungesehen.

Im Klein-Klein erstarrt

Gerade am Beispiel von Schostakowitsch wird deutlich, wie München allzu häufig im provinziellen Klein-Klein erstarrt – weil jeder nur sein eigenes Süppchen kocht. Wahrlich große Würfe und Visionen schafft man so nicht. Die ständigen Eifersüchteleien zwischen Stadt, Land und Rundfunk wie auch die Unfähigkeit aller Beteiligten, über ihren Schatten zu springen, sind Gift für die Klassikszene in München.
Die Leidtragenden sind die zahlenden Besucher, die regelmäßig wirklich einmaliger, herausragender Ereignisse schlicht beraubt werden. Dies alles scheitert an der mangelnden Kooperationsbereitschaft. Ein verantwortungsvoller Umgang mit öffentlichen Geldern sieht anders aus.
Fazit: Dieser Schostakowitsch-Zyklus hinterlässt schon einen schalen Nachgeschmack, bevor er überhaupt begonnen hat.
(Marco Frei)

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