Kultur

Sorin Coliban (Fafner) und Günther Groissböck (Fasolt) vor dem Bühnenbild von Aleksandar Denic. (Foto: Byreuther Festspiele/Enrico Nawrath)

02.08.2013

Ein sehr dünner Jahres-Ring

Bayreuther Festspiele: Kirill Petrenko rettet Wagners mit einem Eklat endenden „Ring des Nibelungen“

Der nach der späten Wim Wenders-Absage einspringende Retter, Berlins Volksbühnen-Chef Frank Castorf, verkündete, dass er – immerhin zu Richard Wagners 200. Geburtstag – keinen Jahrhundert-Ring präsentieren wolle: „Mir genügt ein Jahres-Ring. Der längste Buh-Sturm der neueren Bayreuther Festspielgeschichte attestierte ihm aber eindeutig: Es ist ein sehr dünner Jahresring geworden, dem nur die musikalische Seite Tiefe verlieh.

Wer geglaubt hatte, der 62-jährige Theater-Revoluzzer Castorf würde noch einmal Pranke zeigen, wurde enttäuscht. Alle Bausteine des postdramatischen Theaters waren auf die Drehbühne gehievt: Dekonstruktion von Werkinhalten und -strukturen; diskontinuierliches Erzählen; sinnfreies Auseinanderscheren von Text und Bild; Multiperspektive durch Video-Zuspielungen; Ablehnung und Desavouieren von großer Emotion, tiefem Elend oder schreiender Klage; unkommentierte Darstellung von Gewalt; Verweigerung von politischer Aussage oder gar Attacke. Prompt wirkten viele Szenen hingestellt leer, beliebig austauschbar, ja desinteressiert hingerotzt.

Ganz im Gegensatz zum kritischen Programmheft-Artikel über 150 Jahre Weltherrschaft des Erdöls wurde nicht etwa parallel zu Wagners nur mythisch germanisch kostümierter Gesellschafts- und System-Kritik die fundamentale Abhängigkeit von Kapitalismus und Kommunismus vom Schwarzen Gold entlarvt. Vielmehr war zu sehen: Rheingold 1970 als Schmierenstück der unteren Mafia-Ebene – in einer heruntergekommenen US-Tankstelle samt Motel an der Route 66. Umgeben von den Rheintöchter-Nutten und den allzeit sexbereiten Fricka, Freia und Erda entreißen Boss Wotan und Consiliere Loge dem Underdog Alberich die Macht.

Walküre 1900-1917: In einem hölzernen Woiwoden-Haus in Südrussland erleben Sieglinde und Siegmund ein kurzes Liebesglück, zerstört und getötet von Hunding, einem Angestellten des realen Öl-Magnaten Baron Rothschild, angeleitet vom rauschebärtigen Woiwoden Wotan. Dagegen begehrt seine Smoking-Tochter, die Walküre Brünnhilde auf. Sie wird im Stockbett der revoltierenden Ölarbeiter in Schlaf versenkt, während Wotan an einem obskuren Holzanbau einen Dachring als schützenden Feuerzauber entflammt – alles begleitet von Stummfilmausschnitten über die russische Ölausbeute um Baku.

Siegfried 1970: Unter einem kommunistischen Mount Rush-more mit Köpfen von Marx, Lenin, Stalin und Mao hat Mime den Rocker Siegfried großgezogen, der mit einer Kalaschnikow den von Nutten umgebenen Fafner neben der Weltuhr des Berliner Alexanderplatzes umnietet.

Siegfried mit Finanzpower

Unter Anleitung einer fabulös kostümierten Revue-Tänzerin nimmt Siegfried Ring, Tarnhelm und uninszenierte Finanzpower an sich und wird von ihr sexuell erweckt. Die Liebesbegegnung mit der in einer Plastikplane erwachenden Brünnhilde bleibt im DDR-Mief fad, während zwei Krokodile ersatzweise kopulieren.

Götterdämmerung 2013: Die Drehbühne vereint vier Stationen – eine Voodoo-Kapelle wird von Nornen, Hagen und Alberich frequentiert. Vor dem Reichstag in Christo-Verhüllung wohnt Brünnhilde, locken aber auch die Rheintöchter-Nutten im Mercedes-Kabrio. Eine hypernaturalistische Berlin-Kreuzberger Döner-Box im Besitz der Hells Angels-Gibichungen ist Schauplatz zentraler Action bis hin zu Hagens Morden mit Baseballschläger. Zwar wird der Reichstag als New Yorker Börse enthüllt, doch eine Riesentreppe – ein Panzerkreuzer Potemkin-Filmzitat – dient zu Brünnhildes Schlussgesang: Sie wirft den Ring in eine brennende Öltonne und geht emanzipiert davon. Dieses aufwändige, oft schlecht einsehbare Bühnenbildtheater Aleksandar Deniçs wurde aber durch das musikalische Drama zur Kulisse degradiert.

Münchens künftiger GMD Kirill Petrenko kam als Bayreuth-Debütant nicht nur auf Anhieb mit der unorthodoxen Orchesteranordnung und Akustik des verdeckten Orchesters zurecht, vielmehr machte er Wagners singuläre Komposition zum Klangereignis: faszinierend bis in die Nebenstimmen durchhörbarer Gesamtklang; meisterhafte Übergänge; Feinzeichnung von Motiven, ihrer zitierenden Verflechtung und Abwandlung; durchweg sängerfreundliche Dynamik und Atem für weit gespannte Phrasen und dann auch das fulminante Auftrumpfen – die viermaligen Jubelstürme schienen ihm fast unangenehm.

Die Sängerpositionen Loge Freia, Donner, Froh, einzelne Walküren, Waldvöglein, Gunter, Gutrune und speziell Hagen wären besser zu besetzen. Parallel zu seiner blendenden Bühnenerscheinung lieferte Lance Ryans Siegfried viele falsche Töne. Rheintöchter und Nornen boten als Schlampen Dekolletees und schöne Töne. Claudia Mahnke überzeugte als Fricka, Norne und Waltraute, Burkhard Ulrich als Mime. Catherine Fosters Brünnhilden-Heroine begann mädchenhaft schlank, hatte Schwächephasen und sang dann die liebende Frau mit schönen warmen Tönen. In Martin Winkler hat Bayreuth einen erstklassigen Alberich mit bösartigem Timbre, zu dem Wolfgang Koch als durchtrieben mieser Wotan-Wanderer ein beeindruckender Gegenspieler war.

Für sie und im Zentrum Kirill Petrenko: Uneingeschränkter Jubel – doch als Frank Castorf vor den Vorhang trat, fegte ihn ein vehementer Buh-Sturm an. Er blieb daraufhin ostentativ vor dem Vorhang stehen. Nach mehreren Minuten zeigte Castorf dem Publikum zweimal den Vogel und musste nach weiteren Buh-Minuten von seinem Team mühsam von der Bühne gezogen werden. Da hat ein durch Subventionen und Steuergeld-Honorare blendend ausgestatteter, sich aber in Weltekel suhlender Privilegierter wohl alle Maßstäbe verloren. Die Festspielleitung sollte diesbezüglich etwas zurechtrücken. (Wolf-Dieter Peter)

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