Kultur

Poppig: Marylin Monroe-Porträt, interpretiert von Andy Warhol. (Foto: ACC)

17.08.2012

Eine Frage des Marketings

Andy Warhol im Amberger Congress Centrum

Im ACC Amberg könnte der Empfang für die Alle-zwei-Jahre-Kunst-Sommerschau nicht treffender gewählt sein: Kaum die Eingangstür aufgemacht, steht man schon vor Campbell’s Tomatensuppe – noch dazu mit einer vom Künstler signierten Tragetasche aus Papier. Da hat man dann in einem „Artefakt“ diesen König der Pop-Kunst in seiner ganzen Bedeutung für die Kunstgeschichte.
Um die zu verstehen, schaut man (die Amberger Ausstellung lässt hier das Publikum ein bisschen allein) am besten in die amerikanische Kunstszene der 50er, 60er Jahre. Dort fochten die Verteidiger des „Guten und Schönen“ in der Kunst einen aussichtslosen Kampf aus: zum letzten Mal die romantische, bürgerliche Vision vom gewaltigen Künstler, der seine Werke nicht für die Masse sondern für eine kleine Gruppe von Wissend-Eingeweihten schafft. Schon 1940 aber hatte Walt Disney in seinem Film Fantasia den Schritt zur Vereinigung von trivialer Massen- mit der Hochkultur getan: Mickey Mouse schüttelt dem berühmten Dirigenten Leopold Stokowky die Hand.

Ewig jung und sexy

Zehn Jahre später war die Anziehungskraft der Massenkultur im Zeitalter von Technik und technischer Reproduzierbarkeit von Kunst unüberwindbar geworden. Die Einzigartigkeit von Kunst ging verloren: Kunst zum Verbrauch in lawinenartig steigenden Reproduktionszahlen im Verein mit einem Niederreißen der Klassenschranken – pop eben.
Die jungen amerikanischen Künstler waren von Hollywood geprägt, ewig jung und sexy, zogen Künstliches dem Natürlichen vor und lebten in einer Überfluss- und Wegwerfgesellschaft. Warhols Bild von 200 Campbell’s Suppendosen (1962) brachte das brillant und einprägsam auf den Punkt.
Und so sieht man denn in der Amberger Ausstellung die sattsam bekannten Stationen seiner eigentlich nur kurzen Karriere in den Sechzigern, die immerhin 20 Jahre bis zu seinem Tod 1987 ausstrahlte: Alles strömt ironische Kühle aus, alles erscheint wiederholbar im Sinne einer gesichtslosen Massenproduktion – kaum endende Reihen von Suppendosen, Colaflaschen oder dem Kopf der Marilyn Monroe.
Der Werbegrafiker Warhol tobt sich in Siebdrucktechnik aus, äfft die Werbung und ihre Methoden nach. Große künstlerische Fähigkeiten brauchte er dazu nicht, ein bisschen technisches Knowhow und wesentlich mehr Zeit fürs Marketing.

Zögerlicher Bruderkuss

Wie leuchten einem die austauschbaren roten Lippen der Filmschauspielerinnen in der Amberger Schau entgegen – egal ob Monroe oder Garland oder Minelli. In welche romantischen Farben taucht er das bayerische Cinderella-Castle Neuschwanstein. Die jüdischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts bekommen die passende Farbumgebung verpasst: Martin Buber mythisches Dunkelblau, Einstein grämliches Wissenschaftsgrau.
In Amberg kann man Warhol von den sehr beschränkten Möglichkeiten seines Anfangs mit ein paar schweinchenroten Frauenkörpern ansehen, die zitathafte Prominentenverehrung von Goethe bis zum VW-Käfer. Kann aber auch teilnehmen an der Inszenierung seiner eigenen Person: Auch wenn das Museum of Modern Art seinen gezeichneten „Schuh“ mit herzlichem Dank und der Ausrede, man hätte keinen Platz in Ausstellung und Fundus, ablehnte – in Amberg kann man sein Sakko wie eine Reliquie im Glasschrein anbeten: zum Kunstwerk durch den Publicity-Meister geadelt. Auf vielen Fotos und Serigrafien geben sich Warhol und John Lennon (der allerdings eher zögerlich) den Bruderkuss: die Kings of Pop-Art.
Aus Sammlungen in der Slowakei, aus Frankfurt und anderem Privatbesitz hat Michal Bycko die Schau zusammen gestellt, es ist sicher nicht verkehrt, einiges aus dem vielfältigen Begleitprogramm zu nützen: ein ganzer Katalog unter www.acc-amberg.de/andy.warhol - auch das wie im Quelle- und Neckermann-Zeitalter. (Uwe Mitsching)

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