Kultur

Textilien spielen in den Raumkonzepten Ludwigs II. eine wichtige Rolle. Jetzt wurden die Fenstervorhänge wieder angebracht. (Foto: BSV)

01.04.2010

Eine funkelnde Robe fürs Schlafgemach

In Neuschwanstein zeigt die bayerische Schlösserverwaltung, wie ein Textilmanagement für das gesamte Schloss aussehen könnte

Er machte die Nacht zum Tag: stand in den späten Nachmittagstunden auf, und fand erst in den frühen Morgenstunden Schlaf. Ob Ludwig II. sein Schlafzimmer auf Neuschwanstein überhaupt je so lichtdurchflutet erlebt hatte, wie es sich bis vor Kurzem dem Besucher präsentierte? Tief konnten die Sonnenstrahlen durch eine doppelflügelige Glastür und durch die gemusterten Erkerfenster in das Gemach einfallen, sich wie Scheinwerfer an dem grandiosen neugotischen Raumkunstwerk entlangtasten. Jetzt umfängt einen Dämmrigkeit. Schwere Vorhänge sind vor der Balkontür zugezogen, vor dem Erker sind sie zwar „gescheitelt“, aber durch die Erkerfenster selbst fällt nur noch diffuses Licht herein. Im Deckenleuchter bleibt die Hälfte der Glühbirnen dunkel, dafür leuchtet jetzt das rotverglaste Mittelteil wie ein „ewiges Licht“: Das Zimmer lässt ein wenig die sakrale Aura atmen, die Ludwig II. bewusst inszeniert hatte. Entscheidenden Anteil an dieser Kulisse haben Textilien – sie umschmeicheln den aufwändigen, dunkel gebeizten Holzdekor der Raumarchitektur wie eine festlich-funkelnde Robe. Bis vor Kurzem war jedoch nur ein Teil der Textilien zu sehen: Grelles Sonnenlicht, vor allem in UV-Dosierungen der Bergwelt, zu starke Innenbeleuchtung und dann die Vorliebe Zig-Tausender Besucher, die Aura des „Märchenkönigs“ im wahrsten Sinne des Wortes zu „begreifen“, haben den edlen Materialien zugesetzt. Jetzt sind die Textilien an ihren angestammten Platz zurückgekehrt. Doch zuvor haben sie Experten nicht restauriert, sondern in ihrem Istzustand konserviert: Mit hauchdünnen Nadeln wie aus der Schönheitschirurgie und mit haarfeinen Seidenfäden wurden, wo nötig, farblich passendes Stützgewebe eingearbeitet, lose Applikationen und Zierelemente festgenäht. Spitze Finger sortierten wirr nach oben stehende Fäden wieder zurück ins Schema des Webverlaufs. Doch damit nicht genug: Die Textilien bedürfen ja auch noch des zuverlässigen Schutzes vor Licht und Begrapschen. Hier kommen hauseigene Tüfteleien der Schlösserverwaltung zum Zug: Plexiglasscheiben mit UV-Schutz sind unsichtbar an den Fenstern angebracht – und zwar mit Magneten, um die historischen Scheiben nicht zu beschädigen. Und die mannshohen Glaswände, die nun ringsum die Besucherscharen davon abhalten, mal schnell „Hand anzulegen“, erscheinen durch ihre raffinierte doppelte Entspiegelung auffallend unauffällig. Weltkulturerbe verpflichtet Im Schlafzimmer wurde demonstriert, wie optimal die Textilien im Raum integriert bleiben können. Das von BMW mitfinanzierte Projekt soll Auftakt eines umfassenden Textilmanagements für Neuschwanstein sein – denn „verstecken“ im Depot oder unter Houssen kann ebenso keine dauerhafte Lösung sein wie das Inkaufnehmen weiteren Zerfalls: Soll Neuschwanstein einmal tatsächlich Weltkulturerbe sein, dann sicher nicht wegen seiner Einzelteile, sondern als komplettes, nicht ramponiertes Raumkunstwerk (das obendrein durch seine Beziehung zur Landschaft definiert ist).

(Karin Dütsch)

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