Kultur

23.05.2014

Eine Orgie der Opulenz

Jean Genets „Zofen“ an den Münchner Kammerspielen

Es saugt die Blicke der Zuschauer förmlich ein, dieses schwarze Loch aus Leder, Holz und Spiegeln. Und am Ende des Tunnels der dunklen Begierden, den Barbara Ehnes in die Münchner Kammerspiele gebaut hat, steht eine Art Altar, mit welken Blättern umrankt. Schon dieses grandiose Bühnenbild, ein herrlich dekadentes Zwischending aus Heiligtum und Darkroom, ist ein Ereignis und zeigt an, was da geboten wird: Jean Genets Sadomaso-Klassiker Die Zofen (1947), das Spiel der Dienstmädchen Claire und Solange, die in Kleider und Rolle ihrer Gnädigen Frau schlüpfen, um miteinander das Verhältnis von Herrschaft und Unterwerfung nachzustellen.
Stefan Pucher hat das Stück als schrecklich schöne Liturgie inszeniert, nein: zelebriert. Samt einer Anspielung aufs Abendmahl, wenn man als Video-Projektion den Rache-Traum der Zofen sieht, die ihrer Gnädigen tödliche Tabletten auf die Zunge legen wie Hostien. Vor allem aber ist dieser Abend eine Orgie der Opulenz, ein Rausch der delikatesten Obszönitäten.

Videos im Stummfilm-Stil


Fetischisten dürften schon am Outfit der Actricen ihre Freude haben, an all den schwarzen Glockenröcken, Miedern, Pumps und weißen Kniestrümpfen (Kostüme: Annabelle Witt). Zu dieser „Vintage“-Ästhetik passt nicht nur die ovale Form des Bühnen-Tunnels, die an Urgroßmutters Bilderrahmen aus jener Zeit erinnert, als es noch Zofen gab. Nein, auch die überlebensgroßen Live-Videos im Stummfilm-Stil, die zwischendurch auf dünnen Gaze-Vorhängen flimmern, sind natürlich in Schwarzweiß. Da sieht man etwa, wie die eine Zofe an der Zigarette zieht und dann den Rauch durch einen Strohhalm der andern in den Mund bläst.
In diese Schwarzweißwelt der Bediensteten bringt erst die Gnädige Frau im rosa Rüschenkleid kitschige Farben. Orange und lila leuchtet jetzt auch die Sadomaso-Röhre. So richtig funktionieren die verstörend schönen Tunnelspiele aber nur, weil sie im L’art pour l’art nicht stecken bleiben: Diese erlesenen, luxuriösen Bilder im Oval sind immer beides, Edel-Porno und Zitat. Da sieht man nicht nur Zofen, die ein Rollenspiel treiben, sondern auch die Darstellerinnen – mit kalkweiß geschminkten Masken-Gesichtern – machen deutlich, dass diese spielenden Zofen nur gespielt sind: Piepsend, röhrend, zickend, kuschend chargieren und outrieren sie so bizarr und so subtil zugleich, dass die ironische Brechung nicht bloß komisch wirkt, sondern auch eine Atmosphäre gespenstischer Unwirklichkeit erzeugt.
So etwas gelingt nur absoluten Spitzenschauspielerinnen wie Brigitte Hobmeier, Annette Paulmann und Wiebke Puls. Schon allein, weil diese drei Ausnahme-Solistinnen zusammen auf der Bühne stehen, ist die Aufführung, dieser psychedelisch-surreale Lust- und Alptraum eine Sensation.
So eine Stimmungsmischung aus Eiseskälte und brütender Schwüle muss man erst mal hinkriegen. Dass die Grenzen der begrifflich klar gefassten Realität bröckeln, das ist die eigentliche Erfahrung dieses Abends zwischen Sein und Schein, Video und Wirklichkeit: Ist nicht jedes Spiel immer auch todernst? Sind umgekehrt gesellschaftliche Hierarchien auch ein Spiel, das nur funktioniert, solange alle mitspielen? Schon die Fragen bleiben so vage, als seien auch sie nur ein Spiel... (Alexander Altmann)

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