Kultur

Klausener Psalter aus Prag (1707). Die Titelseite der repräsentativen Psalmenhandschrift zeigt Mose mit den Gesetzestafeln und seinen Bruder Aaron im Ornat des Hohenpriesters. Unten eine seltene Darstellung von Männern mit Gebetsschal und Gebetbuch auf dem Weg zur Synagoge. (Foto: BSB)

22.05.2015

Eine Schrift – viele Sprachen

Die Bayerische Staatsbibliothek zeigt beispielhaft, wie sie in den vergangenen 50 Jahren ihre Hebraica-Sammlung erweitert hat

Die Brüder sind halbblind: Moses mit den Tafeln der Zehn Gebote im Arm, ihm gegenüber sein Bruder Aaron im Gewand des Hohenpriesters. Beiden fehlt das rechte Auge: als Hinweis auf das Bilderverbot im Judentum? Ansich sind Darstellungen weder von Gott noch von Menschen und Tieren auch nicht in Synagogen üblich. „Du sollst dir kein Bildnis machen ...“: Hat man deshalb die beiden bewusst unvollkommen dargestellt? Weil die Verlockung des künstlerischen Zeitgeistes andererseits zu groß war und man keinesfalls auf ein prächtig illuminiertes Titelblatt für diesen Psalter von 1707 verzichten wollte?
Barocke Bilderkraft allerorten, im Barockstil war auch die Klausen-Synagoge in Prag 1684 erbaut worden, für die der Psalter bestimmt war. Und mit dem biblischen Brüderpaar nicht genug: Auf dem Blatt tummeln sich auch herrliche Vögel, ein geflügelter Putto scheint über den geschwisterlichen Rivalen zu wachen, und als Kuriosum sieht man unten eine kleine Bilderzählung: Sechs Männer mit Gebetsschal und Gebetbuch gehen in eine Synagoge – aber der „Trödler“, der letzte der Gruppe, ist nicht so ganz bei der Sache: Er schielt zu einem vergitterten Fenster hinauf.

Gebete und Kabbalistisches

Was hinter dieser Szene steckt, kann sich Stefan Jakob Wimmer nicht erklären. Er ist Kurator der Ausstellung Von Sulzbach bis Tel Aviv in der Bayerischen Staatsbibliothek – und hat den opulent illuminierten Psalter als Blickfang an Beginn des Rundgang platziert. Gleichwohl: Das Highlight dieser Schau ist diese Handschrift nicht – es geht in der Präsentation in der „Schatzkammer“ und im Flur davor diesmal nicht darum, das Wertvollste aus den Hebraica-Beständen der Staatsbibliothek zur Schau zu stellen. Der Rote Faden ist vielmehr, Neuerwerbungen aus diesem Sammelschwerpunkt seit 1955 zu zeigen. Anlass ist das 50-jährige Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel.
Stefan Jakob Wimmer hat aus diesen Zugängen eine Auswahl getroffen, die signifikant abbildet, wie die Bibliothek ihre Hebraica, die schon zum Grundstock der einstigen Hofbibliothek gehörten, auch heute in ihrer Vielfalt systematisch erweitert: Das betrifft eben nicht nur religiöse Schriften, sondern Bände zu Geografie, Geschichte, Kunst und Literatur ebenso wie zu Politik und Soziologisches. Gegliedert hat das der Kurator in vier Kapiteln: Handschriften, alte Drucke, DP-Publikationen und Staat Israel.
Und so sieht man in den Vitrinen neben Psaltern, Torawimpeln und Gebetssammlungen auch ein Zauberbuch mit kabbalistischen Geheimzeichen und Sprüchen gegen den „bösen Blick“. Für Frauen waren biblische und talmudische Bestimmungen, die sie betreffen, eigens zusammengefasst. In erster Linie zu ihrer belehrenden Unterhaltung gab es schon um 1590 Bände mit jiddischen Erzählungen, die auch außerhalb des Judentums spielen konnten: Die Staatsbibliothek besitzt eine Handschrift aus dem 16. Jahrhundert mit Geschichten aus Till Eulenspiegel. Ausgestellt ist auch ein Ehevertrag von 1813, der die Rechte der Frau und die Pflichten des Ehemannes definiert. Daneben eine Sammlung von geschäftlichen Musterbriefen eines Kaufmanns aus dem schwäbischen Wallerstein.

Jüdische Armee anno 1806

Eine weitere Kuriosität entdeckt man unter den Handschriften, die erst Anfang dieses Jahres zum Bestand der Staatsbibliothek kam: Es ist ein Memorandum zur Rekrutierung einer jüdischen Armee – verfasst von einem Baron Pulverlach anno 1816. Zu diesem Zeitpunkt war das ein Scherz – oder doch nicht? 1799 soll Napoleon beim Einmarsch in Palästina die Juden eingeladen haben, Jerusalem wieder in Besitz zu nehmen. Sicher ist diese Aussage des damals noch Ersten Konsuls nicht – aber die Hoffnung auf die Rückkehr in die Heilige Stadt ließ sie regelrecht wahr werden. Jerusalems Eroberung könne „in Vereinigung mit dem asiatischen Armeekorps von 600 000 Mann“ gelingen, wollte der unbekannte Baron weißmachen.
Bis heute sind Torarollen handgeschrieben – für andere religiöse Schriften wurden anfängliche Vorbehalte gegenüber des Druckerhandwerks bald aufgegeben: Wenn’s der schnelleren und größeren Verbreitung dient ... Vor allem Italien wurde um 1470 eine Hochburg des Drucks hebräischer Werke. Auch in Konstantinopel mit seiner großen jüdischen Gemeinde wurden hebräische Bücher gedruckt – es waren die ersten Druckwerke dort überhaupt, islamische Werke durften erst später gedruckt werden. Auch in Bayern gab es namhafte Druckorte für hebräische Bücher: Die Ausstellung zeigt Bände aus Sulzbach, Wilhermsdorf, Fürth und Augsburg.

Der entkommene Rest

Ein Thema, das logischerweise erst nach dem Zweiten Weltkrieg zum Sammelgebiet Hebraica dazukam, sind Publikationen mit „DP-Bezug“. „Displaced Persons“: der Begriff der Alliierten meint „heimatlos gemachte Menschen“ – auf sich selbst bezogen, bezeichneten sich die jüdischen „DPs“ als „Sherith Hapleita“: Der hebräischen Bibel zufolge heißt das „der Rest der Verfolgten“ oder „der entkommene Rest“ und bezog sich auf den Neuanfang nach der babylonischen Gefangenschaft. Man liest es zum Beispiel in einem der Bücher von Vaad Hatzala: Diese in den USA gegründete jüdische Organisation versorgte die DP-Lager zum Beispiel mit religiösen Grundlagenwerken.
Berührend ist das Titelbild des „DP-Talmud“ (Talmuds werden normalerweise nicht illustriert): Unten eine Lagerszene, gerahmt von Stacheldraht, oben eine Vision vom jüdischen Heimatland Isreal. „Aus Sklaverei in die Erlösung, aus Dunkelheit in großes Licht“ und „Wenig fehlte, so hätten sie mich vernichtet im Land. Ich aber, ich habe Deine Gebote nicht verlassen“, wurden Zitate aus der Haggadah und aus einem Psalm hinzugefügt. 19 Bände hat dieser seltene Talmud, zwei Rabiner, die das Konzentrationslager Dachau überlebten, haben in ihnen den gesamten Babylonischen Talmud für den Gebrauch im DP-Lager zusammengefasst; gedruckt wurde die Gesamtausgabe in Heidelberg.
Wie dieser Talmud zeugen viele Schriften in Vorworten, Widmungen und Illustrationen vom Leid jener, die den Holocaust überlebt hatten. Der Übergang ist nahezu fließend zu Publikationen, die sich mit dem neuen Staat Israel beschäftigen – das war vor allem ein Thema der vielen Zeitungen, die von DP-Institutionen veröffentlicht wurden. Plakativ ein Exemplar der Wochenzeitung Unsere Welt: Groß und in Blau ist auf der Titelseite vom 21. Mai 1948 eine Landkarte Palästinas in den Grenzen von 1920 bis 1913 dem Text hinterlegt, quer darüber der Schriftzug „Eretz Israel“/das Land Israel. Wenige Tage vor Erscheinen dieser Ausgabe hatte David Ben-Gurion den Staat Israel ausgerufen. Das Blatt ist eine Rarität, erschien die Zeitung ohnehin nur in einer Auflage von 1500 Exemplaren – die Bayerische Staatsbibliothek erwarb erst vor vier Jahren 131 Ausgaben von Unzer velt.
Die Zeitung war in Jiddisch geschrieben. So man der hebräischen Schrift mächtig ist, kann man in der Ausstellung viele Sprachen lesen – auch das ist symptomatisch für die Hebraica-Sammlung: Werke in allen europäischen Sprachen finden sich dort genauso wie in Arabisch. Und in jüngerer Zeit erschien zum Beispiel auch ein Wörterbuch zur Umgangssprache der „Jeckes“ in Israel: Als „Jeckes“ werden deutschstämmige Einwanderer bezeichnet – viele von ihnen halten an deutschen Ausdrücken und Redewendungen fest. Und zur heutigen Lebenswirklichkeit, die der „Wissensspeicher“ Staatsbibliothek in den Hebraica beispielhaft abbilden möchte, gehört auch diese Erwerbung von 2011: eine Handreichung zum „Internet-Hebräisch“ – weil die englischen IT-Begriffe in Israel nicht verwendet werden: Und dann heißt „online“ eben wörtlich übersetzt „auf der Linie“.

Digital durchforsten

Wie man wohl zum BSB-Explorer auf Hebräisch sagen würde? Erkunder oder Entdecker? Treffsicher wären die Begriffe auf jeden Fall, denn am Ausstellungsende wartet der Münchner Talmud darauf, von Vorne bis Hinten erforscht zu werden. Eine Rarität: Es ist die weltweit einzige, beinahe vollständige Handschrift des Babylonischen Talmud. Sie gehört zwar schon seit über 200 Jahren zum Bestand der Staatsbibliothek und hat insofern nichts mit dem roten Faden der Ausstellung zu tun – aber es ist auch nicht das Original von 1342, das der Besucher gestenreich durchblättern kann, sondern sein Digitalisat. Und das war sozusagen eine der ersten „Neuerwerbungen“ des Münchner Digitalisierungszentrums, das die Bayerische Staatsbibliothek 1997 gegründet hat. (Karin Dütsch)

Bis 10. Juli. Bayerische Staatsbibliothek, Schatzkammer, 1. Stock, Ludwigstraße 16, 80539 München. Mo., Mi., Fr. 10 – 17 Uhr, Di., Do. 10 – 20 Uhr, feiertags geschlossen. www.bsb-muenchen.de

Abbildungen (Fotos: Bayerische Staatsbibliothek)
Synagogengebete (Cod.hebr. 512, Rheinland, ca. 16. Jh.) Eine Sammlung von Gebeten und Segenssprüchen. Einige Seiten sind mit floralen Motiven illuminiert, hier mit einem Paar springender Hirsche, die in der jüdischen Tradition das Verlangen nach Gott symbolisieren können.

 "DP-Talmud" (München/Heidelberg 1949): Von Überlebenden der Schoah für den Gebrauch in Lagern der „Displaced Persons" herausgegeben: eine Talmudausgabe mit illustriertem Titelblatt. Oben eine erlösende Vision vom Gelobten Land, als Kontrast zu einer von Stacheldraht umrahmten Szene aus einem Konzentrationslager unten.

 

 

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