Kultur

Eine Familie: v.l. Sophie von Kessel (Barbara Fordham), Lukas Turtur (Little Charles Aiken), Arthur Klemt (Bill Fordham) und Charlotte Schwab (Violet Weston). (Foto: Thomas Dashuber)

10.07.2015

Einen auf Broadway gemacht

Tracy Letts' "Eine Familie" am Münchner Residenztheater

Man kann es gar nicht mehr zählen, der wievielte Aufguss das ist: Das Thema Abgründe der bürgerlichen Familie funktioniert seit gut hundert Jahren als Dauerbrenner der Literatur. Während der Stoff aber bei Tschechow, ja selbst noch bei Tennessee Williams in der gesellschaftlichen Situation verankert war, ist er bei den Epigonen nur mehr klappernde Hohlform und wohlfeiles Erfolgsrezept.
Auch Tracy Letts’ Tragikomödie Eine Familie (2007), die letztes Jahr zudem als Film mit Meryl Streep und Julia Roberts rauskam, ist so ein besseres Boulevardstück, in dem echte Tragik durch aufgesetzte psychologische Bizarrerien ersetzt wird: Violet ist tablettensüchtig, ihr Mann war „Weltklasse-Alkoholiker“ und jetzt hat er sich umgebracht. Zum Begräbnis kommen alle zusammen im Elternhaus in der tiefsten amerikanischen Provinz, die drei Töchter samt Anhang sowie Tante Mattie mit Familie.
Wie nicht anders zu erwarten, explodieren bei der Gelegenheit die ganzen unterdrückten Gehässigkeiten und Frustrationen. Die Fetzen fliegen am amerikanischen Mittagstisch, die schmutzige Wäsche, die sonst gut verborgenen Schandflecken hinter der biederen Fassade werden in einer großen Zerfleischungsorgie hervorgeholt.

Hochkarätige Akteure


In den USA gilt ein derart altbackenes Well-made play schon als ambitioniert, weswegen Letts’ Kreuzung aus Ibsen und Dreimäderlhaus mit dem Pulitzerpreis geehrt wurde. De facto bleibt es ein typisch marktkonformes Produkt der Kulturindustrie, dessen Ästhetik seit einem halben Jahrhundert obsolet ist. Eigentlich hat derart anachronistisches Kunstgewerbe an einem Staatstheater nichts zu suchen – es sei denn, man schraubte es in die grell übertriebene Künstlichkeit hinauf. Aber von solchen Verfremdungen à la Herbert Fritsch ist Tina Laniks brave, handwerklich gekonnte Inszenierung weit entfernt.
Im dreistöckigen naturalistischen Puppenhaus von Bühnenbildner Jens Kilian macht die Regisseurin ganz werktreu einen auf Broadway. Natürlich nutzen die Schauspieler diese Gelegenheit, mal wieder traditionell vom Leder zu ziehen. Und weil es immerhin spannend ist, hochkarätigen Akteuren dabei zuzusehen, wie sie sich in süffiger Mimenkunst austoben, aber immer haarscharf die Kurve kriegen, ehe sie ins Chargieren abdriften, wird aus dieser Zimmerschlacht für die ganze Familie doch noch ein leidlich unterhaltsamer Abend mit einigen witzigen Pointen.
Wolfram Rupperti etwa macht aus seinem Onkel Charlie, der „in der Polsterbranche“ tätig ist, einen einfach gestrickten American Dad, hinter dessen Unbedarftheit ein liebevoller Mensch zutage tritt. Katrin Röver als jüngste Schwester ist eine herrlich tussige Plapperblondine, indes Aurel Manthei als ihr Verlobter einen dubiosen Geschäftsmann gibt – der sich an die vierzehnjährige Nichte ran macht. Als sie das sieht, rastet das indianische Dienstmädchen (Amanda da Gloria) ein einziges Mal aus, das sonst als stille Dulderin und edle Squaw scheinbar unbewegt das Treiben der Bleichgesichter betrachtet. In der Kunst, volksstückhaften Klischeefiguren einen doppelten Boden einzuziehen, brilliert aber vor allem Charlotte Schwab, die ihre Violet zwischen tyrannischem Muttermonster und verzagtem Hausdrachen changieren lässt. (Alexander Altmann)

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