Kultur

Posen für die Presse: Bijan Zamani (Maecenas), René Dumont (Agrippa), Gerhard Peilstein (Lepidus), Manfred Zapatka (Antonius), Jeff Wilbusch (Sextus Pompejus) und Simon Werdelis (Octavius Caesar). (Foto: Matthias Horn)

19.06.2015

Entlarvender Polit-Thriller

Thomas Dannemans Inszenierung von Shakespeares "Antonius und Cleopatra" am Residenztheater ist eine herrliche Persiflage

Vier Sterne hat es mindestens, wenn nicht gar fünf, dieses „Grandhotel Abgrund“, das Stefan Hageneier auf die Drehbühne des Münchner Residenztheaters gestellt hat. Lauter identische Hotelzimmer zeigt das rotierende Schicksalskarussell, worin in raschem Wechsel die verschiedenen Szenen spielen. Eine geniale Idee, um Shakespeares Römerdrama Antonius und Cleopatra mit seinen vielen Ort- und Zeitsprüngen auf die Bühne zu bringen, diese Geschichte aus dem Bürgerkrieg, in dem nach Caesars Tod seine Nachfolger um die Alleinherrschaft kämpfen. Darunter auch Antonius, den der großartige Manfred Zapatka als ergrauten Haudegen gibt, dem der Liebesrausch seine Bodenhaftung raubt. Ergebnis: Wenn Feldherren zu sehr lieben, geht ihre Macht flöten.

Hotel oder Bordell

Plastisch, üppig und auch komisch (also fast ein bisschen im Christian-Stückl-Stil), hat Regisseur Thomas Dannemann das Stück inszeniert. Wobei das Bühnen-Hotel auch ein Luxus-Bordell sein könnte, denn die Damen, allesamt Kettenraucherinnen, laufen meist in frivolen Dessous durch die Gegend. Allen voran Cleopatra, Ägyptens Königin, die von der feschen Hanna Scheibe als verführerisches Superluder gegeben wird, als aufreizende Zicken-Queen. Kalt, berechnend, launisch stöckelt sie mal mit Pelzjäckchen und Pavian-Perücke daher, mal im Leopardenkleid.
Entsprechend sind die Männer hier Mafiosi, Warlords, Islamisten: Triumvir Lepidus sieht mit Sonnenbrille und Zigarre aus wie ein sizilianischer Pate. Pirat Pompejus könnte mit Rauschebart und Pluderhosen als Taliban durchgehen. Und der aalglatte Jüngling Octavius, der spätere Kaiser Augustus, ist eine Art Goebbels-Type, denn tatsächlich geht er dank seiner professionellen Propaganda als Sieger aus dem Bürgerkrieg hervor: Noch am Ende, wenn er seine Opfer Antonius und Cleopatra würdevoll gemeinsam bestattet, lässt sich der Heuchler von seinen „embedded journalists“ filmen, wie er am Sarg des toten Paares niederkniet – alles nur für die Öffentlichkeit, alles nur, um sein Image als edler Herrscher zu promoten.
Zur Ausstattung eines solchen Polit-Thrillers gehören natürlich jede Menge Tarnanzüge, Stahlhelme, Splitterwesten, Sturmgewehre und Pistolen. Peu à peu werden die Türen zertrümmert, die Hotelzimmer verwüstet, immer wieder hört man jenes klickende Geräusch vom Durchladen der Waffen, ehe lautstark rumgeballert wird und die Kombattanten geduckt über die kreisende Bühne hetzen, von einer Deckung zur nächsten.

Sex and Crime

Es sind die erstaunlich vertrauten Bilder, die wir aus den Nachrichten kennen und aus Action-Filmen, zu unterscheiden ist das ja längst nicht mehr, weil alles zusammenfließt zu einer einzigen Reality-Soap, zu dem, was Shakespeares Dramen immer auch sind: spannende Prime-Time-Unterhaltung, Stories mit Sex and Crime, Helden und Huren.
Auch wenn der Abend eine Stunde zu lang geriet – dank karikierender Übertreibungen erweist sich Dannemanns Inszenierung, die auf den ersten Blick bloß süffige Bebilderung zu sein scheint, als deren Persiflage: als Entlarvung jener tagtäglichen medialen Verschleierung, die Realität in anekdotische Filmschnipsel-Dramaturgie verwandelt. (Aexander Altmann)

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