Kultur

Mehr als 2000 Zeichnungen von Ronald Searle befinden sich heute als Dauerleihgabe im Wilhelm Busch Museum (Hannover), darunter auch dieses Selbstbildnis, das er neunzigjährig und ein Jahr von seinem Tod im Jahr 2010 anfertigte. (Foto: Rudolf-Ensmann-Sammlung/Wilhelm Busch Museum)

21.12.2012

Erben und verwalten

Das Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg zeigt Memorabilien von Literaten, Musikern, Karikaturisten und Schauspielern

Mit special delivery hat das Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg eine attraktive Ausstellung an Land gezogen: Angeliefert wurden Nachlässe, beispielhafte Memorabilien von sieben Literaten, Karikaturisten und Musikern. Und von Marlene Dietrich. Kein Problem, meinte Ulrich Ott, ehemaliger Leiter des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, in seiner Einführung. Schließlich habe der „blaue Engel“ auch Kunst- und Literaturgeschichte geschrieben. Und Werner Sudendorf, Leiter der Sammlungen der Deutschen Kinemathek Berlin, hat aus seinem Fundus Sachen der Marke „typisch Marlene“ für Sulzbach losgeeist: ihren Hutkoffer mit Hotelaufklebern, ihren Schuhkoffer von 1930 (schon eher in Schrankkofferdimensionen) – noch in Berlin gefertigt, aber dann schon mit auf dem Weg nach Hollywood und zu ihrer ersten Produktion dort (Marocco).
Die Diva hat zwar immer behauptet: „Ich habe nichts“, aber dann hatte sie doch die größte Sammlung, die je ein Filmstar über sich angelegt hat. Den Originalgips von 1941 und von einem Beinbruch im Filmstudio sieht man in Sulzbach zwar nicht, aber eine goldene Gipsbeinbrosche, die der Produzent ihr bei der Rückkehr an den Set schenkte. Die Marlene-Kleiderpuppe in Sulzbachs Vitrine steckt in Hosenanzug, Herrenhemd, schwarzer Krawatte – alles original von ihr getragen. Von ihr geschrieben: Briefe mit lippenstiftroten Küssen.
Natürlich stürmen die Besucher in der Ausstellung erst mal ganz nach hinten zu diesen Weltstar-Attraktionen. Aber die Schau lohnt sich auch in der Abteilung Bertolt Brecht und beim Entziffern von Stücken aus dessen Nachlass, den zunächst die Witwe Helene Weigel umsorgte.
Überhaupt will die Ausstellung nicht nur zeigen, was in den Archiven schlummert , sondern auch die Frage der Nachlassverwaltung diskutieren. Zum Beispiel mit solchen Katalogbeiträgen wie von Birgit Jooss, die in Nürnberg das Deutsche Kunstarchiv leitet und die die „Nachlassverwaltung mit Geschäftssinn“ anhand von Lovis Corinth beleuchtet. Zu diesem Thema zitiert das Literaturarchiv neben Brechts Witwe auch die von Max Reger: Elsa, die bändeweise „das Hohe Lied der Frau“ gesungen hat, „die als Lebensgefährtin eines großen Musikers seinen Erdenweg liebend betreute und auch nach seinem Tod für sein großes Erbe weiterwirkte“. Wie ein ironischer Seitenhieb wirkt da die von Kurator Michael Hehl eingerichtete Devotionalienecke für Reger. Genauso wie das Frühstücksbrettchen samt Dosenöffner und Taschenmesser des Malers Richard Oelze.
Da hat Brechts Typoskript vom 17. Juni schon andere literarische Dimensionen, wenn er fragt: „Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“ Oder das Blatt mit eigenhändigen Anmerkungen, Verbesserungen zu Sonntagnachmittag in Soho mit dem Mackie-Messer-Song.
Der Zeichner Ronald Searle kommt in der Ausstellung vor, die Schriftstellerin Mascha Kaleko, natürlich auch der Literaturarchiv-Gründer Walter Höllerer mit seiner Stenorette, mit Tonband, Kassetten, Schriftstücken wie dem Programm eines Pasolini-Abends oder der zusammengeklebten „Strukturskizze zum Projekt ‚Fußgängers Nachtgeschichten’“.
Das alles ist attraktiv aufgehäuft, vermittelt durch die Textfahnen Aufschluss über die jeweiligen Nachlassverwalter und -bewahrer oder mit dem schön verpackten Katalog, der auch Finanzierungsfragen anschneidet: Bei Marlene hat die „Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin“ den Ankauf mitfinanziert. Und auf Seite 217 sieht man sie dann mit dem Schuhkoffer an Bord der „Bremen“ sitzen, den man ob seiner Dimensionen eben noch in der Vitrine angestaunt hatte. (Uwe Mitsching)

Abbildungen (von oben):

Raritäten aus Nachlässen: Marlene Dietrichs Hutkoffer und eine Privatfotografie von Mascha Kaléko in ihrer New Yorker Wohnung (1958). (Fotos: Deutsches Literaturarchiv marbach, Deutsche Kinemathek)

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