Kultur

Begeistern mit ihrem Temperament: Saúl Vega als Don José und Esther Jurado als Ur-Carmen. (Foto: Jesús Vallinas)

17.12.2010

Erlösung in Stierkämpferseligkeit

Goyo Montero erntet für sein neues "Carmen"-Ballett am Staatstheater Nürnberg Ovationen

Das wollte Goyo Montero keinesfalls mit seinem neuen Ballett: Carmen einfach nacherzählen. Denn Bizets Oper hat am Staatstheater Nürnberg erst am 2. April Premiere. Stattdessen orientierte er sich an Prosper Mérimées Novelle, oder besser: am Archetypus „Carmen“, an einer typisch spanischen, aber zugleich „universalen Geschichte“ (Montero). Und die erscheint dem Nürnberger Ballettchef so vielschichtig, dass er sie gleich von drei Carmen-Tänzerinnen in Rot verkörpern lässt und einer „Ur-Carmen“ in Schwarz, einer Art Madame la Mort und Verkörperung des Flamenco zugleich. Die Tanz-Legende Esther Jurado aus Madrid durchschreitet die anderthalb Carmen-Stunden mit unvergleichlicher Grandezza, und den Rüschensaum ihres Kostüms nimmt das ganze Bühnenbild (Verena Hemmerlein, Goyo Montero) als riesige Schleppe auf.
Viele Carmencitas also, aber keine Michaela, keine Frasquita oder Mercédès. Dafür eine interessante und praktikabel-unterhaltsame Kompilation der Musik von Georges Bizet mit der Carmen-Suite von Rodion Shchedrin und viel Kastagnetten klapperndem Flamenco. Im Dienste des Tod/Eros-Mythos auch die Lyrik der Martinetes, die bedrohlich akustisch im Raum stehen.
Montero hat mit dieser Vielschichtigkeit und Vielgestaltigkeit auch das Erbe seines Vaters Goyo Montero Cortijo fortsetzen wollen, der in Nürnberg für die Flamenco-Fragen zuständig war.
Noch bevor die drei Carmens („eine lustige Frau, eine Hexe, ein Kind“) in dieser psychologisierenden Version auf die Bühne kommen, schlägt Philipp Pointner mit dem Philharmonischen Orchester pompös und bedeutungsschwer das Grundmotiv dieser Choreografie an: Tod in der Arena, im Stierkampf, in der Liebe.
Auf der Bühne lässt sich das mit dem Bizet-Kartenterzett vergleichsweise harmlos und tänzerisch etwas dilettantisch an. Da lässt Montero die erste Viertelstunde belanglos vorüberziehen, arbeitet die Figuren nur unscharf heraus – bis endlich die Kastagnetten losbrechen und sich die drei Carmens in die Arme von Don José werfen, der Tod samt Spießgesellen über die Mauern von Sevilla klettert.

Ohne Touristenklischees

Da fängt die Geschichte an, einen zu interessieren: mit ihren verschiedenen Bühnenebenen, mit denen sich immer wieder neue überzeugende, überraschende Bilder auch ohne alles Touristen-Spanien schaffen lassen, mit den verschiedenen realistischen und symbolischen Inhaltsebenen. In denen kommen wie im alten Nummernballett auch eine witzige Soldatentruppe vor oder die Arbeiterinnen der Zigarettenfabrik, die sich ihren eigenen Rhythmus klopfen.
Der festgelegten Ikonografie von Bizets Musik begegnet Montero mit eigenen Einfällen: etwa einer Damenwahl der drei Carmencitas unter den Burschen der Stadt. Moch mehr ist er inspiriert von Shchedrins percussionsbetonter Rhythmik: zu temperamentvollen Ausbrüchen und eindrucksvollen Tableaux.
Irgendwie wird dann doch die Carmen-Geschichte erzählt mit einem elegant die Muleta schwingenden Escamillo (Saúl Vega), einem hingebungsvoll liebenden und todesbereiten Don José (Max Zachrisson) inmitten seiner getanzten „Wunden“.
Nürnbergs Ballettomanen werden sich in den vielen kommenden Vorstellungen nicht sattsehen können an dieser Liebes-Corrida aus El Andaluz, an dem fließenden Pas-de-quatre bei der Befreiung Carmens von den Polizeifesseln, an einem Pas-de-deux zu Bizets Blumenarie, bei der sich das rote Carmen-Luder in unschuldiges Weiß verwandelt. Wenn tödliche Leidenschaft im Orchester wabert, ersticht Don José alle Carmens, auch der Archetyp fällt in seinen Dolch: Aber Esther Jurado führt ihn dann doch ins Tor der ewigen Stierkämpferseligkeit.
Dafür, für die Bravour von Solisten und Corps de ballet tosender Beifall, Ovationen für Montero. (Uwe Mitsching)

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