Kultur

Der Altbestand ist das Fundament der Bayerischen Staatsbibliothek. (Foto: BSB)

01.08.2014

Ersehnter Geldregen

Die Siemens Stiftung gibt der Bayerischen Staatsbibliothek Geld für den Ankauf antiquarischer Drucke – trotzdem droht beim Altbestand der Pflegenotstand

Natürlich nur dem Sprachsinn nach freut man sich in der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB) über diesen warmen Regen: 800 000 Euro für den Ankauf antiquarischer Drucke! Das Geld kommt von der Carl Friedrich von Siemens Stiftung und wird auf die kommenden zwei Jahre aufgeteilt; seit 2012 gab es schon 1,2 Millionen Euro von dort für dieses konkrete Förderziel.
Aber es ist nur ein kurzes, dankbares Aufschnaufen, das sich Rolf Griebel gönnt: „Wir sind an einem gefährlichen Punkt angekommen“, warnt er. Der Ankaufsetat insgesamt stagniere (Mittel des Freistaats für den Medienerwerb 2013: 10,7 Millionen Euro, 2003: 10,5 Millionen Euro), die Kaufkraft sinke angesichts steigender Kosten, vor allem die kontinuierlich größer werdenden Ausgaben für Zeitschriften (die BSB ist zweitgrößte Zeitschriftenbibliothek Europas) bezeichnet der Generaldirektor der Staatsbibliothek als „exorbitant“. Die Periodika-Erwerbung bindet inzwischen rund 70 Prozent des Etats dafür, was man insgesamt für Medien ausgeben kann.
Beim Etat ist seit langem Umschichten angesagt: „Die Staatsbibliothek hat aufgrund der ihr im Hochschulgesetz zugewiesenen Funktion eine wichtige ergänzende Aufgabe bei der Versorgung der Hochschulen mit moderner Forschungsliteratur“, sagt Rolf Griebel, „mit der Konsequenz, dass für die Erwerbung von alten Drucken und Handschriften immer weniger übrig bleibt.“

Wenn der Wert
zwischen den Zeilen steckt

Der Bereich Altbestand/Handschriften (grob sind das die urheberrechtsfreien Werke bis Ende des 19. Jahrhunderts) ist zunehmend der Verlierer. Er macht rund zehn Prozent des Gesamtbestandes von über zehn Millionen Bänden aus, jährlich kommen im Bereich Altbestand durchschnittlich etwa 800 Werke hinzu – bislang jedenfalls. Für ihn können heute nur noch ungefähr rund fünf Prozent vom staatlichen Gesamtetat abgezwackt werden – vor zehn Jahren waren es noch über zehn Prozent.
In die Öffentlichkeit dringt dieser Notstand kaum – da überstrahlen alle paar Jahre die Ankäufe „millionenschwerer“ Schmuckstücke den tatsächlichen Zustand hinter den Kulissen. Tatsächlich aber haben Highlights wie die Ottheinrich-Bibel, das Ehrenbuch der Fugger und der soeben erst erworbene Lafreri-Atlas (Abbildung) nichts mit dem laufenden Etat zu tun, ihr Erwerb ist nur möglich durch jeweils neu zu schmiedende Finanzierungs-allianzen von Dritten.
Die 1,4 Millionen Euro für den Lafreri-Atlas zum Beispiel stemmten neben anderen Förderern vor allem die Kulturstiftung der Länder und die Giesecke & Devrient Stiftung. Der Kauf von einem privaten Antiquariat hat übrigens verhindert, dass der Atlas mit seinen 191 Einzelkarten aus den Jahren 1545 bis 1571 regelrecht zerfleddert worden wäre: Fast alle Karten sind Unikate – einzeln verkauft, wäre vermutlich eine viel höhere Gesamtsumme zu erzielen gewesen.
Solch kulturgeschichtlich Herausragendes und auch optisch Repräsentatives genießt von vorneherein Sympathie in der Öffentlichkeit – wie steht es aber um einen Druck aus dem 17. Jahrhundert, eine illustrationslose „Bleiwüste“ zu einem theologischen Fachaspekt? Wenn dann nicht wenigstens noch ein klingender Namen mit einem solchen Werk in Verbindung gebracht werden kann, scheint der Rechtfertigungsdruck zum Erwerb zu wachsen, Drittmittelgeber finden sich hierfür kaum. „Nicht jeder Druck, nicht einmal jede Inkunabel ist nun mal für eine publikumswirksame Ausstellung geeignet, der wissenschaftliche Wert steckt da zwischen den Zeilen“, sagt Rolf Griebel.
In der Staatsbibliothek kann man sich freilich nicht die Devise gestatten, nur das zu kaufen, was Publikumsgeschmack ist: Das verbietet die Verpflichtung, Partner der Wissenschaft zu sein. Umgekehrt bedeutet das nicht den wahllosen Kauf, nur um der Besitzmehrung willen: „Wir erwerben gezielt und zu unserem Sammlungsgebiet passend, das heißt, es gibt ein klar definiertes Erwerbungsprofil“, skizziert Rolf Griebel.
Nachdem der reguläre Etat immer weniger für das ureigene Aufgabenfeld der Altbestandsmehrung ausreicht, sind alternative Kräfte zu mobilisieren, damit nicht beim Fundament der Bayerischen Staatsbibliothek der Pflegenotstand ausbricht. Es müssen zunehmend andere Quellen erschlossen werden: Solche Zuwendungen wie die aktuelle der Siemens Stiftung seien daher „Gold wert“, freut sich Rolf Griebel. Aber nicht nur Finanzspritzen wie diese helfen, gerade den Altbestand lebendig zu halten: Schenkungen und Übernahmen ganzer Sammlungen kommen hinzu. 2003 zählte man zum Beispiel 89 400 Handschriften – Ende 2013 waren es 97 200 (plus neun Prozent).
Vielleicht die beste publikumswirksame Werbeoffensive für den Altbestand ist übrigens die Digitalisierung: Jeder kann sich die analogen Werke als Digitalisat anschauen, viele „versteckte“ Schätze sind darunter. Die BSB hat all ihre Drucke von 1450 bis etwa 1880 digitalisiert, bei den Handschriften sind Spitzenstücke digitalisiert.

Erst der Inhalt,
dann das Digitalisat

Insgesamt sind es über eine Million Digitalisate – „ein Spitzenwert in Europa“, sagt Rolf Griebel stolz und zitiert Statistiken: Als die Deutsche Digitale Bibliothek 2012 an den Start ging, stellte die BSB 70 Prozent der Textdokumente, heute sind es noch immer 43 Prozent. Bei der Plattform Europeana waren es ebenfalls 70 Prozent der aus Deutschland nachgewiesenen ditigtalisierten Werke, heute sind es 56 Prozent. Und 32 Prozent der Werke der im Unesco-Portal der World Digital Library präsentierten Textdokumente aus deutschen Sammlungen stammen ebenfalls aus dem digitalen BSB-Angebot.
Was Rolf Griebel damit ausdrücklich betonen will: Natürlich gehe es heute in der Bilbiothekslandschaft nicht mehr ohne eine massive Ausweitung der digitalen Angebote und Dienste. „Gerade wir haben da massiv mitgewirkt.“ Ohne Content gäbe es aber auch nichts zu digitalisieren. Genau deswegen sei die kontinuierliche Erwerbung von Altbeständen auch weiterhin so wichtig.
(Karin Dütsch)

Schmökern im Netz:
- www.bsb.de respektive www.digitale-sammlungen.de
- www.deutsche-digitale-bibliothek.de
- www.europeana.eu
- www.wdl.org

Abbildungen:
Natürlich haben sich die Bibliotheken gewandelt: Digitalisate und digitale Dienste sind selbstverständlich geworden. Doch BSB-Chef Rolf Griebel warnt: Die Pflege des analogen Bestandes darf nicht aufgegeben werden. (Foto: Karin Dütsch)

Jüngste Neuerwerbung der Bayerischen Staatsbibliothek ist ein Sammelatlas von Antonio Lafreri. Mindestens 15 der 191 Karten gelten als Höhepunkte der Kartografie. Leisten kann sich die BSB das Werk nur durch Geld von Dritten. Die Karten sind digitalisiert und können demnächst online studiert werden. (Foto: BSB)

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